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Apulien: Sonnenverwöhnte Weinregion im Südosten Italiens

Primitivo mag der große Rebsorten-Star in Apulien sein. Aber die süditalienische Weinregion hat noch viel, viel mehr Genussschätze zu bieten! Machen wir also eine kleine vinophile Tour zum Absatz des berühmten Stiefels.

Wenn es Weine gibt, die für Sonne im Glas stehen, dann sind das die Gewächse aus Apulien. Und so ganz verwunderlich ist das nicht. Im Gegensatz zu den direkten Nachbarregionen Basilikata und Kampanien im Westen sowie Molise im Norden hat Apulien ausschließlich Hochebenen und ebene Flächen zu bieten. Hier gibt es nur wenige Hügel und kaum Höhenmeter, damit Trauben von kühlen Nächten profitieren könnten. Auch Bergwinde fehlen im Südosten des Landes und können daher nicht für Abkühlung sorgen. Ganz im Süden von Apulien, wo die Rebflächen am legendären Stiefelabsatz gedeihen, sorgen Brisen von Adria und dem Ionischen Meer zwar für eine stetige Luftzirkulation. Aber die ist warm. Wie es sich für ein waschechtes mediterranes Klima mit lauen Nächten, langen Sommern und milden Wintern eben gehört.

Kurzum: die Reben brutzeln hier mächtig in der Sonne - und bekommen deren volle Kraft ab. Weil Weinbau in der Ebene zudem auch noch viel einfacher zu betreiben ist als in bergigen Regionen, wird in Apulien eben besonders viel Wein angebaut. Wenn auch nicht mehr so extrem wie noch vor 30 Jahren, als Tanklastwagen um Tanklastwagen mit günstig produzierten Rebensaft in den Norden des Landes und bis nach Frankreich gekarrt wurden. Damit daraus billige Verschnitte und Destillate entstehen konnten. Diese Massenproduktion brachte Apulien den Beinamen "Weinkeller Europas" ein.

Bevor Sie sich jetzt aber enttäuscht abwenden: diese Zeiten sind vorbei! Jedenfalls so gut wie. Natürlich wird in den Ebenen immer noch viel und günstig maschinell angebaut. Aber seit der Jahrtausendwende gibt es in Puglia, wie die Italiener die Region liebevoll nennen, eine regelrechte Qualitätsoffensive, die die Kraft der Sonne mit dem Geschick der richtigen Rebsorten verbindet. Ein genauerer Blick lohnt sich allemal. Tauchen wir also etwas tiefer in die Materie ein.

Karte der Weinregion Apulien in Italien
Apulien füllt den markanten Stiefelabsatz Italiens. © Wine in Black

Wie Apulien zu seinem Namen kam

Dass sich der knapp 400 Kilometer lange Landstreifen zwischen dem Gargano-Gebirge am Stiefel-Sporn bis runter zur Halbinsel Salento, die den markanten Absatz bildet, dank der satten Sonne nicht nur hervorragend für die Landwirtschaft allgemein, sondern für den Weinbau im Speziellen eignet, erkannten bereits die Phönizier und Griechen, die hier 3000 vor Christus die ersten Reben pflanzten. Danach war der Stamm der Osker hier umtriebig. Sie nannten die Gegend Apuli. Als dann 216 vor Christus die Römer die Herrschaft übernahmen, gab es in Sachen Wein bereits den ersten Push. Denn sie verlängerten ihre berühmte Handelsstraße Via Appia bis runter nach Brindisi, wo sie, dank Hafen, regen Handel mit den Griechen trieben.

Und zu den Waren gehörte eben auch Wein. Historiker meinen, dass das die Geburtsstunde der Weinregion Apulien war. Nur, dass sie damals noch nicht Apulien hieß. Von Apuli war man nämlich längst abgekommen. Denn die Römer nannten das Gebiet Calabria - nicht zu verwechseln mit dem heutigen Kalabrien, das damals noch Bruttium hieß. Der Name Apulien kam erst wieder aufs Tapet, als der Normanne Wilhelm Eisenarm im Jahr 1043 dort an die Macht kam und sich "Graf von Apulien" nannte. Mal so als Fun Fact am Rande.

Primitivo-Trauben an einem alten Weinstock
Bereits 3000 Jahre vor Christus pflanzten die Phönizier und Griechen in Apulien die ersten Reben.

Aus Masse mach’ Klasse

Durch die Handelsbeziehungen, die auch im Lauf der Jahrhunderte nicht abbrachen, nahm Wein einen immer größeren Stellenwert ein. Bis zu den 2000er-Jahren standen über 120.000 Hektar unter Reben. Doch dann erkannte man, dass viel nicht automatisch auch gut ist. Damit begann eine der größten Qualitätsoffensiven des Landes. Die übrigens von der Europäischen Union gefördert wurde. Denn die vergab Rodungsprämien, wodurch die Rebfläche auf inzwischen 104.000 Hektar schrumpfte - so viel wie Deutschlands Weinregionen derzeit zusammen haben. Größe ist also hier tatsächlich relativ.

Das ist vor allem der Einführung des geschützten Herkunftssystem zu verdanken. Wie schon in der Toskana, wo vor allem das Chianti Classico von den strengeren DOCG-Regeln (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) qualitativ profitierte, wurden durch die rigoroseren Vorgaben auch in Apulien die Weine hochwertiger. Inzwischen kann die Region vier DOCGs und 28 DOCs (Denominazione di Origine Controllata) ihr Eigen nennen - komplettiert durch sechs IGT-Zonen (Indicazione Geografica Tipica). Der große Unterschied zu anderen italienischen Weinbaugebieten: In Apulien sind vor allem die IGT-Zonen bekannt. Dieses Phänomen lässt sich aber ganz einfach erklären. Die Lösung verbirgt sich nämlich zwischen Sporn und Absatz des Stiefels.

Ein Apulien-Star namens Primitivo

Denn hier findet man mit den Gebieten Salento und Puglia die beiden prominentesten Zuhause der roten Rebsorte Primitivo, die im Laufe der vergangenen zwei Dekaden zum absoluten Verkaufsschlager avancierte. Die vollmundigen und samtweichen Weine, deren leichte Restsüße gerne noch durch das Doppio-Passo-Verfahren mit getrockneten Weinbeeren verstärkt wird. Das macht die Weine besonders gefällig. Hier ist zugleich der Hang zur Massenproduktion am größten. Mit 8.000 Hektar (Puglia) und 12.000 Hektar (Salento) Rebfläche sind die beiden IGT-Zonen nicht eben klein. Und tatsächlich: die meisten der supergünstigen Discount-Primitivo stammen von hier.

Und jetzt kommt das große Aber. Denn vor allem aus Salento stammen auch die hochwertigen Primitivo-Gewächse. Die Halbinsel hat nämlich noch einen ganz besonderen Schatz: alte Buschreben. Aufgrund ihres Alterns graben sie ihre Wurzeln tief in den von Lehm und Sandstein geprägten Boden, den man überall in Apulien findet. Das wiederum hat zur Folge, dass die Weinstöcke auch im heißesten Sommer noch genügend Feuchtigkeit aus dem Untergrund ziehen können und nicht künstlich bewässert werden müssen, wie es bei den Anlagen für die Massenproduktion üblich ist. Zudem ist hier reine Handarbeit angesagt. Mal ganz davon abgesehen, dass durch das Alter der Buschreben quasi eine natürliche Ertragsbegrenzung stattfindet. Sie tragen nämlich nur wenige Trauben, die dafür aber besonders aromatische Beeren haben.

Traditioneller Alberello-Weinberg in Apulien
Alte Buschreben sind Apuliens größter Schatz.

Manduria, die Primitivo-Königsklasse

Noch mehr Qualität findet man, wenn man sich in der Subregion Salento dem Städtchen Manduria zuwendet. Mit dem Primitivo di Manduria wartet die Gegend nämlich mit der ältesten DOC der Region auf, die bereits 1974 entstand. Ein Primitivo di Manduria muss mindestens aus 85 Prozent Primitivo bestehen. Hinzu kommen eine striktere Ertragsbegrenzung und strengere Regeln beim Ausbau des Weins im Vergleich zu den IGT-Zonen. So darf ein Primitivo di Manduria erst am 31. März nach dem Erntejahr auf den Markt kommen. Und die Riserva-Version muss sogar zwei Jahre reifen, bevor sie verkauft werden darf - neun Monate davon übrigens zwingend im Holzfass.

Im Jahr 2011 erhielt Apulien mit dem Primitivo di Manduria Dolce Naturale den ersten DOCG-Wein der Region. Wie es der Name vermuten lässt, handelt es sich dabei um einen Süßwein. Dieser ist immer ein reinsortiger Primitivo. Um den geforderten Süßegrad zu erreichen, werden die reifen und gesunden Trauben im Appassimento-Verfahren zunächst getrocknet, bevor man sie fermentiert. Der Clou: die üppige Süße wird in der Regel von einer wunderschön lebendigen Weinsäure im Zaum gehalten und ausbalanciert, sodass dieser Dessertwein nicht nur ein echter Gaumenschmeichler ist, sondern auch durch eine enorme Eleganz zu überzeugen weiß.

Schmutzige Arbeiterhände halten dunkle Weintrauben
Primitivo ist der Rebsorten-Star in Apulien.

Negroamaro: Apuliens zweite Schönheit

Neben Primitivo gibt es aber noch einen weiteren Rebsorten-Star in Apulien. Und der heißt Negroamaro. Mit der Salice Salentino DOC hat auch Negroamaro eine prominente Heimat auf der Halbinsel Salento. Um den Titel tragen zu dürfen, müssen sowohl Rot- wie auch Rosé-Weine mindestens 75 Prozent Negroamaro beinhalten. Eine Ausbauzeit von minimal acht Monaten ist obligatorisch. Viele Winzer lassen ihre Weine aber drei oder gar vier Jahre reifen. Meistens übrigens im Stahltank, denn ein Ausbau im Holz ist nicht vorgeschrieben - und die Reifung im Tank ist nun einmal kostengünstiger.

Diese lange Reifezeit hat einen guten Grund. Denn übersetzt heißt Negroamaro die "schwarze Bittere". Ein Hinweis darauf, dass die dickschalige Rebsorte besonders viel Tannin mitbringt. Und je länger der Wein reift, desto mehr mildern sich die Gerbstoffe ab. Um einen Salice Salentino DOC etwas gefälliger zu machen, verschneidet man Negroamaro gerne mit einem kleinen Teil Malvasia Nera, die eine schöne Fruchtfrische von Knubberkirschen und roten Pflaumen mitbringt. Negroamaro mag nicht ganz die gefällige Strahlkraft wie Primitivo besitzen, verfügt aber stattdessen gerade aufgrund der Tannine über eine hohe Langlebigkeit. Weine aus dieser Rebsorte reifen wunderschön und laufen nach ein paar Jahren Lagerung regelrecht zur Hochform auf. Kein Wunder, dass die Traube in vielen unterschiedlichen DOCs wie Brindisi, Negroamaro di Terra d’Otranto, Copertino oder Terra d’Otranto die Hauptrolle spielt.

Nero die Troia: Willkommen im Norden von Apulien

Fehlt nur noch eine Rebsorte, die die heilige Genussdreifaltigkeit in Apulien komplettiert. Die rote Nero di Troia. Sie ist vor allem im Norden der Region zu finden und ist die Haupttraube für die DOC-Weine Cacc’e mmitte di Lucera, Castel del Monte, Barletta Rosso und Rosso di Cerignola. Die spätreifende Sorte, die auch unter dem Namen Uva di Troia bekannt ist, ergibt tiefdunkle Weine mit Aromen von Kirsche und Brombeere.

Glas mit Rotwein in der Nahaufnahme, daneben italienisches Knabbergebäck
Neben Primitivo und Negroamaro trumpft auch Nero di Troia in Apulien auf.

Generell haben Weine aus ihr viele Gerbstoffe sowie einen hohen Alkoholgehalt. Um diesen etwas abzumildern und auch, um etwas mehr Frische reinzubringen, verschneiden Winzer Nero di Troia gerne mit Montepulciano (bitte nicht mit dem Ort in der Toskana verwechseln) oder Sangiovese, die mit ihrer höheren Weinsäure und den schlankeren Körpern etwas mehr Agilität in die Weine bringen.

Und was ist mit Weißwein?

In all den genannten Gebieten gibt es natürlich nicht nur Rot-, sondern auch Weißweine. Neben internationalen Rebsorten wie Chardonnay, Pinot Blanc (hier dann Pinot Bianco) oder Sauvignon Blanc sind es vor allem indigene Trauben wie Bombino Bianco, Fiano, Falanghina oder Impigno. Und nein, diese exotisch klingenden Namen müssen Sie sich jetzt nicht merken. Denn die Weißweine aus Apulien besitzen bei Weitem nicht die opulente oder finessenreiche Strahlkraft der roten Gewächse. Die weißen Trauben haben es in der Hitze des Südens nämlich sehr schwer, ihre Weinsäure zu bewahren, wenn sie reifen. Die meisten Tropfen sind also eher mild und vielleicht auch etwas flach. Vor Ort erfreuen sie sich durchaus einer gewissen Beliebtheit als einfache Weine zum Essen, gelangen aber kaum in den Export.

Das wirkt sich dann natürlich auch auf den Rebsortenspiegel generell aus, den man in Apulien so findet. Und der wird zu 80 Prozent von roten Trauben dominiert, die sich unter der Sonne Süditaliens halt wesentlich wohler fühlen und hier ihre vollmundige Strahlkraft entfalten. Dass diese höchst unterschiedliche Gesichter fernab der Massenproduktion für den Discounter haben kann, haben wir ja gerade bewiesen. Bleibt uns nur noch, Ihnen ans Herz zu legen, die hochwertige Genussseite Apuliens zu entdecken. Probieren Sie doch einmal die drei großen Rebsorten Primitivo, Negroamaro und Nero di Troia nebeneinander. Die Unterschiede sind ebenso verblüffend wie die Gemeinsamkeiten. Versprochen.

Nicole Korzonnek

Von Nicole Korzonnek

Früher vor allem im Kulturjournalismus zuhause, begeistert sich Nicole Korzonnek nicht erst seit dem obligatorischen Pausen-Sekt im Theaterfoyer für Wein. Neben Theaterkritiken für die FAZ und Artikel für diverse Kulturformate brachte sie ihr journalistischer Weg über die Jahre immer mehr in Richtung Wein. Ob nun mit einem eigenen Blog oder eben als Copywriterin & Chief Editor Wine Magazine bei Wine in Black, wo sie die Geschichten hinter den Weinen entdeckt und dann auch begeisternd erzählt.

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