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Italien Weinregionen

Barbaresco: Der große kleine Bruder

Es ist ein Kreuz! Man kommt einfach nicht umhin, den überaus eigenständigen Weinstil Barbaresco ohne seinen berühmten Bruder, den benachbarten Barolo, vorzustellen. Vorhang auf für Barbaresco (mit einer Statistenrolle für seinen Bruder).

Sie ist beschaulich, die Piemonteser Gegend, in der Winzer den Weinstil Barbaresco erzeugen. Hügelketten gehen ineinander über, Weinberge wechseln sich mit Obstbäumen und Kirchtürmen ab. Hier liegt das 700-Seelen-Dorf Barbaresco, nach dem die DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) und der gleichnamige Weinstil benannt sind. Die gesamte DOCG Barbaresco umfasst nur knapp 700 Hektar Rebfläche - pro Einwohner ein Hektar Reben.

Die Weinberge erstrecken sich über die Gemeinden Treise, Neive und Barbaresco nordöstlich der berühmten Trüffelstadt Alba. Ein kleiner Teil wird auch in Alba selbst, im Ortsteil San Rocco Seno d’Elvio angebaut. Die heutigen Grenzen des Anbaugebietes wurden in den 1960er-Jahren gezogen, als es noch als DOC (Denominazione di Origine Controllata) klassifiziert war. 1980 erhielt das Gebiet die wertvolle Einstufung als DOCG. 

Treise im Gebiet Langhe.
Wie hingetupft: die Gemeinde Treise im Gebiet Barbaresco.

Barbaresco: reinsortiger Nebbiolo

Die Weine der DOCG Barbaresco sind reinsortige Nebbiolo. Die im Piemont heimische Nebbiolo-Traube ergibt körperreiche Weine. Diese gehören zu den besten und berühmtesten Rotweinen Italiens. Das liegt neben ihrem immensem Alterungspotenzial unter anderem am einzigartigen Aromenspektrum. Denn das reicht von dunklen Früchten, Rosen, Veilchen, Tabak und Gewürzen bin hin zu Trüffeln. Jung getrunken zeigt sich Nebbiolo-Wein allerdings von seiner schroffen Seite. Er erschlägt den ungeduldigen Genießer gern mit hohem Tannin- und Weinsäuregehalt. Nach einigen Jahren Reife wird er zugänglicher und strahlt mit harmonisch-elegantem Charakter. Auffällig ist dabei seine helle Farbe, die erstaunlich mit dem vollen Körper und Alkoholgehalt kontrastiert. 

Ein Grund dafür, warum Weine aus Nebbiolo zu Italiens berühmtesten gehören, liegt auch daran, dass sich die kapriziöse Rebsorte perfekt an die Weinberge im Piemont angepasst hat. Nirgendwo ergibt sie so einzigartige Weine wie in Barbaresco und - da ist der Referenzpunkt - in der DOCG Barolo. Im nur 20 Kilometer entfernten Gebiet wird der gleichnamige Weinstil Barolo erzeugt. Barbaresco und Barolo haben einiges gemeinsam, immer mit kleinen Unterschieden. Fast wie ein Zwillingspaar, das man permanent vergleicht, um es überhaupt auseinanderhalten zu können. Dabei ist es meist der Barolo, der stärker heraussticht: er wächst auf höheren Lagen, hat mehr gesetzliche Auflagen zu erfüllen und war einfach früher da. 

Topographie und Böden

Barbaresco wird - wie auch Barolo - reinsortig aus Nebbiolo vinifiziert. Allerdings fallen Barbaresci meist etwas fruchtiger und geschmeidiger aus. Sie sind weniger tanninbetont, wuchtig und schwer wie die Baroli und sind daher auch nicht ganz so lange lagerfähig. Ein Grund liegt in den besonderen klimatischen und geologischen Bedingungen im Barbaresco: Die Rebflächen liegen mit 200 bis 400 Meter über dem Meeresspiegel. Damit sind sie etwas tiefer als die des Barolo-Gebietes, denn dort liegen die Rebflächen auf 300 bis 500 Metern. Zudem profitieren die Weinberge in Barbaresco von der feuchtwarmen Luft des Tanaro-Tals. So ist das Klima milder und lässt die Trauben früher reifen. 

Hinzu kommt, dass die Böden in Barbaresco leichter sind als im Barolo-Gebiet. Zudem ist die mineralische Zusammensetzung anders. Die Barbaresco-Böden sind tendenziell etwas sandiger, weicher und wärmer. Mehr Sand bedeutet weniger Lehm in der Mischung und das bedeutet weniger zurückgehaltenes Wasser. Dadurch enstehen andere Aromenspektren. Auch in der mineralischen Zusammensetzung unterscheiden sich beiden Böden. Der kalkhaltige Barbaresco-Mergel hat mehr Zink und Kupfer und als der manganhaltige Boden in Barolo. Auch das beeinflusst, welche aromatischen Verbindungen sich entwickeln.

Lange Reifevorgaben 

Um die Tannine zu zähmen, werden Nebbiolo-Weine traditionell lange ausgebaut. Da Barbaresco etwas weniger Tannine hat, sind die DOCG-Vorgaben nicht ganz so streng wie in der DOCG-Barolo. Bevor er freigegeben werden darf, reift Barbaresco mindestens 26 Monate, davon neun in Holz. Eine Riserva reift satte 50 Monate, davon neun Monaten in Holz. Barbaresco kann zusätzlich die Lagenbezeichnung auf dem Etikett tragen, wenn die Trauben aus einer klassifizierten Lage stammen. 

Nach fünf bis zehn Jahren haben die meisten Barbaresci die perfekte Trinkreife. Dann funkeln sie im Glas granatrot und entfalten ihre betörende Aromenwelt, die so vielschichtig ist, dass mancher Weinkenner sagt, sie sprächen Sinne und Verstand zugleich an. Schauen wir uns an, wie dieser faszinierende Weinstil entstanden ist. 

Die Kirche von Barbaresco durch die Weinberge gesehen.
Aus den Weinbergen heraus auf die Kirche von Barbaresco geblickt.

Revolutionen in Barbaresco

Ende des 19. Jahrhunderts kam ein trockener Rotwein namens  "Barbaresco" auf den italienischen Markt. Initiator dieses neuen Weintyps war Domizio Cavazza, der damalige Direktor der königlichen Weinbauschule in Alba. Er hatte im Jahre 1894 nahe des Ortes Barbaresco ein Schloss gekauft und eine Winzergenossenschaft gegründet. Dort verfügte er, dass der Wein künftig hergestellt werde solle wie der damals bereits berühmte Barolo. Die erste, kleine Revolution. Die zweite, weitaus größere, folgt ein reichliches Jahrhundert später, mit Angelo Gaja, dem ungekrönten König des Barbaresco.

Im Barbaresco gab es unter Winzern einen Konflikt zwischen "Traditionalisten" und "Modernisten". Hauptvertreter der Modernisten war Angelo Gaja, der den Weinen zu ihrem internationalen Durchbruch verhalf. Er übernahm in den 1960er-Jahren das elterliche Weingut und führte nach und nach moderne Methoden der Weinbereitung ein. Die temperaturkontrollierte Gärung, eine kürzere Maischegärung ebenso wie die Reife der Weine in kleinen Barriquefässern. 

Gajas Barbaresco schlugen bei der internationalen Weinkritik ein. Auf einmal konnten Weine aus dem Piemont Preise aufrufen, die vorher nicht möglich waren. Weine aus außergewöhnlichen Einzellagen - also einem einzigen Weinberg und daher besonders rar - erreichen bis heute ohne Mühe Preise im dreistelligen Bereich. Beispiele sind Sori Tildin, Martinenga, Rabajà, Montestefano, Pora und Asili. Erfahrene Winzer kitzeln in ihren Einzellagen-Weinen dann das Besondere des Terroirs heraus - Umgebung, die man im Glas schmecken kann. 

Eine Frau gießt Wein auf einer Verkostung ein.
Sollte auf keiner Weinverkostung italienischer Rotweine fehlen: Barbaresco.

Ein Wein, der viel zu erzählen hat

Über eines dieser herausragenden Exemplare schreibt Italiens wichtigster Weinführer Gambero Rosso in seiner 2020er-Ausgabe, er sei "Wein gewordene Seide". Bekannte Erzeuger neben Gaja sind La Spinetta, Bruno Giacosa und Italiens renommierteste Winzergenossenschaft Produttori del Barbaresco. Letztere war eine der ersten, die in Italien nach französischem Vorbild Top-Weine aus Cru-Lagen vermarktete. Und sie ist zugleich die Nachfolgerin von Cavazzas 1894 gegründeter Genossenschaft in Alba.

Heute haben sich die Fronten zwischen Traditionalisten und Modernisten geglättet. Man vinifiziert zumeist in friedlicher Koexistenz. Es gibt jetzt sogar Modernisten, die weniger im Barrique ausbauen, um die charakteristischen Nebbiolo-Noten nicht zu überdecken. Aber egal, für welchen Barbaresco Sie sich letztlich entscheiden: er hat Ihnen viel zu erzählen!  

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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