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Bolgheri: Toskana-Weine mit Star-Charakter

Als Heimat der gehypten Supertuscans hat sich die kleine toskanische Region Bolgheri innerhalb kürzester Zeit einen großen Namen gemacht. Wir schauen uns die phänomenale Karriere dieses Landstrichs mal genauer an.

Nicole Korzonnek Von Nicole Korzonnek

  | 3. Mai 2021

Es klingt eigentlich schon fast wie ein Märchen, die Geschichte vom Aufstieg des Bolgheri als Super-Weinregion in der Toskana. Und noch unglaublicher ist es, dass tatsächlich ein einzelner Mann dafür den Startschuss gab. Wenn auch unwissentlich und aus purem Eigeninteresse. Oder besser: Genussinteresse. Denn Marchese Mario Inscisa della Rocchetta liebte bereits als junger Mann gute Weine. Vor allem, wenn sie aus dem Bordeaux - vorzugsweise aus dem Médoc - kamen. Cabernet Sauvignon, der dort gar prächtig gedieh, war schließlich seine große Leidenschaft. Sein Traum: einmal selbst einen großen Cabernet Sauvignon zu machen.

Nach seinem Agrar-Studium ließ sich der Marchese in den 1940er-Jahren zusammen mit seiner Frau in der Nähe des malerischen Örtchens Bolgheri an der Maremma-Küste der Toskana nieder. Denn hier besaß seine Frau einen Hektar steinigen Lands. Und genau dort pflanzte der Marchese seine ersten Cabernet-Reben. Eher aus Not, denn aus Tugend. Denn der Zweite Weltkrieg wütete und der Wein-Nachschub aus dem Bordeaux kam nicht. Also wurde für den Eigengenuss eben selbst angebaut. Bis der Marchese seinem Neffen Piero Antinori ein Fläschchen des 'Sassicaia', benannt nach den vielen Steinen ("sassi") im Boden, zu trinken gab. Der Rest der Geschichte ist Legende: Ende der 1960er-Jahre kam der erste 'Sassicaia' kommerziell auf den Weinmarkt und begeisterte direkt.

Eine Flasche des Rotweins Sassicaia auf einem gedeckten Tisch neben einem leeren Dekanter und einem leeren Weinglas
Er legte den Grundstein für den Bolgheri-Erfolg: 'Sassicaia'.

Bolgheri: Heimat der Supertuscans

Ein Cabernet Sauvignon mit einer solch hohen Qualität hätte die Weinwelt niemals in der Toskana, geschweige denn in Italien verortet. Und dann kam dieser große Genuss von einem Fleckchen Erde, das man bis dato gar nicht als Weinbaugebiet kannte. Damit aber nicht genug! Obendrein kam der edle Tropfen nämlich nur als schlichter Tafelwein etikettiert in den Handel. Denn als reinsortiger Cabernet Sauvignon umging der 'Sassicaia' alle geltenden Herkunftsregeln des Landes. Damit schloss er sich nahtlos der Riege der in den 1970er-Jahren entstandenen Supertuscans an. Es gab da eben nur einen Unterschied: keiner der anderen Supertuscans war ein reinsortiger Cabernet Sauvignon.

Plötzlich schaute die Welt also gen Bolgheri, wo eben die Tenuta San Guido des Marcheses lag, der in der Zwischenzeit nun auch in aller Ruhe die rote Bordeaux-Sorte Cabernet Franc anbaute. Damals war er im Umkreis von zehn Kilometern allein auf weiter Flur. Es war der Marchese, der durch sein Herumprobieren für den Eigenbedarf als Erster herausfand, dass die steinigen und mineralienreichen Hänge im Bolgheri für internationale rote Rebsorten geradezu prädestiniert sind. Dazu dann noch die langen und trockenen Frühlinge und Sommer, in denen sanfte Brisen vom Meer durch die Rebzeilen wehen und dafür sorgen, dass die Trauben langsam ausreifen. Das wiederum begünstigt eine ebenso intensive wie fruchtige Aromatik.

Blick auf die Weingärten im italienischen Bolgheri
Die Bedingungen für internationale rote Rebsorten sind hier ideal.

Weingrößen entdecken das Bolgheri

Dem Marchese waren diese idealen Voraussetzungen wohlbekannt, doch andere Winzer zögerten. So ganz ohne Herkunftsstatus einen schlichten Tafelwein produzieren und still und heimlich beten, dass der Wein trotzdem Anklang findet? Nein, das war den meisten Winzern zu riskant. Einzig und allein der Neffe des Marcheses, Lodovico Antinori (ja, noch ein Antinori!), traute sich und bestockte 1981 einige Weinberge seiner Tenuta dell'Ornellaia mit Cabernet Sauvignon und Merlot. Sie ahnen es vielleicht: Auch der 'Ornellaia' ging durch die Decke - qualitativ wie preislich - und zählt bis heute zu den großen Supertuscans erster Klasse. Zugleich mussten sich solche Tropfen aus dem Bolgheri auch nicht mehr Tafelwein nennen, denn sie bekam den IGT-Status (Indicazione Geografica Tipica) verliehen und hatten somit endlich eine Herkunftsbezeichnung.

Als der 1985er 'Sassicaia' dann auch noch erstmals die legendären 100 Parker-Punkte erhielt, gab es auch für andere Winzer-Größen Italiens kein Halten mehr. Mit großen Baggern wurden die Hügel zu Weinbergen umfunktioniert. Die Hektarpreise explodierten förmlich, nachdem sich zum Beispiel Angelo Gaja, der Önologie-Star aus dem Piemont, mit seinem Weingut Ca’Marcanda hier niederließ. Ebenso wie die Folonari-Familie, die einen Ableger ihres Weinguts Ruffino baute, das bereits im Chianti, Chianti Classico sowie in Montepulciano mit seinen Kreszenzen von sich reden machte.

Weingarten im Bolgheri in der italienischen Toskana
Ein teures Fleckchen Erde: Rebflächen im Bolgheri.

Eine Region wächst und gedeiht

Was sich nach einem Hype der Extraklasse anhört, war tatsächlich auch einer. Aber er hatte viele unterschiedliche Gesichter. Denn auch wenn der Kiesboden mit seinen vielen, kleinen Steinen, die schon den 'Sassicaia' berühmt gemacht hatten, äußerst beliebt war, fand man schnell heraus, dass es im Bolgheri noch weitere Vorteile gab. Je weiter man nämlich gen Südwesten geht, desto sandiger werden dort die Böden. Und die sind damit ideal für die Rebsorte Merlot. Im Norden, Süden und Osten rund um den Ort Bolgheri stieß man indes neben Kies auch noch auf Kalk und Mergel in den Böden. Auch sie sind ideal für internationale rote Rebsorten, zu denen sich neben Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc dann auch noch Petit Verdot und Syrah gesellten.

Schnell waren die Rotweine aus dem Bolgheri in aller Munde. Hier wuchs das Epizentrum der Supertuscans heran. Genau dafür wurde das kleine Gebiet mit seinen in den 1990er-Jahren nicht einmal 100 Hektar Rebfläche geliebt. Es kam, wie es kommen musste. 1994 bekam das Bolgheri den DOC-Status (Denominazione di Origine Controllata). Diese Gebietsaufwertung brachte den nächsten Wachstumsschub. Im Jahr 2000 standen bereits 200 Hektar unter Reben. Zu heute ist das allerdings kein Vergleich. Denn jetzt sind es sage und schreibe gut 1.200 Hektar! Ein derartiger Wachstum ist für eine kleine Weinregion, die in den 1940er-Jahren ja noch nicht einmal existierte, tatsächlich einmalig auf der Welt. Ohne die Supertuscans wäre das nicht möglich gewesen!

Karte der Toskana mit Bolgheri
Und hier ist das Bolgheri in der Toskana verortet. © Wine in Black

Von strengen Gesetzen und sturen Regelbrechern

Wobei nicht jeder Supertuscan auch aus dem Bolgheri stammt. Tatsächlich dürfen sich alle Rotweine aus der Toskana, die in kein anderes Regelwerk der italienischen Weingesetze passen, so nennen. Aber das Bolgheri ist eben der einzige Bereich, der dafür einen DOC-Status erhalten hat. Mit dem zogen dann aber auch ein paar Regeln ein. Nämlich welche Trauben für einen Bolgheri DOC verwendet werden dürfen. Und in welcher Menge. Kommt zum Beispiel mehr als 50 Prozent Sangiovese mit hinein, darf sich der Wein weder Bolgheri Superiore DOC noch Bolgheri DOC, sondern einfach nur Bolgheri Rosso nennen. Selbiges galt bis 2011 auch für reinsortige Cabernet Sauvignon oder Merlot. Ein Grund, warum der 'Masseto', der zu 100 Prozent aus Merlot besteht, bis 2011 ein simpler IGT-Rosso war, obwohl er bereits damals zu den teuersten Supertuscans der Welt gehörte. Ein bisschen Revoluzzertum steckt eben noch immer in den Bolgheri-Winzern.

Falls Sie sich jetzt fragen, ob der 'Sassicaia', mit dem der Bolgheri-Erfolg einst begann, deswegen bis 2011 auch nur ein schlichter IGT-Wein war: nein, war er nicht. Das hat aber zwei Gründe. Zum einen ist dieser Bolgheri-Urwein kein reinsortiger Cabernet Sauvignon mehr, sondern eine Cuvée mit Cabernet Franc. Zum anderen hat die Tenuta San Guido des Marchese derart viel mit ihrem Wein für die Region Bolgheri geleistet, dass ihr eine ganz besondere Ehre zuteil wurde. Denn als erstes und einziges Weingut überhaupt in Italien, hat der Wein mit Bolgheri Sassicaia DOC eine eigene Ursprungsbezeichnung bekommen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Blick auf Rebflächen in der Toskana aus der Vogelperspektive
Inzwischen hat das Bolgheri eine eigene DOC.

Bolgheri - mehr als Superstars

Bei Namen wie 'Sassicaia', 'Ornellaia' oder 'Masseto' ahnen Sie es vielleicht schon. Weine aus dem Bolgheri haben nicht nur eine enorme Strahlkraft, sondern sind auch besonders teuer. Dass eine Flasche zwischen 200 und 400 bis hin zu 800 Euro kostet, ist normal. Was nicht zuletzt an den horrenden Hektar-Preisen in der Region liegt. Nun ist es aber wahrlich keine Selbstverständlichkeit, derart teure Tropfen überhaupt einmal ins Glas zu bekommen.

Zum Glück haben wir da eine gute Nachricht für Sie. Denn obwohl die großen Namen über allem stehen, gibt es auch Weine aus dem Bolgheri, für die man nicht direkt einen kleinen Kredit aufnehmen muss. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, genau solche Weine in regelmäßigen Abständen für Sie aufzuspüren. Es lohnt sich also, in unserem Shop zu stöbern, wenn auch Sie einmal den berühmten Bolgheri-Geschmack am Gaumen haben möchten.

Weine aus unserem Shop, die zu diesem Artikel passen:

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