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Central Otago Neuseeland

Central Otago: Weinregion mit fruchtigem Pinot Noir

Näher an der Antarktis geht nicht: Central Otago ist das südlichste Weinbaugebiet der Welt. Und weltweit berühmt für aromatische Pinot Noir-Weine. Entdecken Sie mit uns das Rotwein-Mekka Neuseelands.

Als man in Central Otago Gold fand, gab es in der Region noch kein einziges Weingut. Goldgräber schwärmten Anfang der 1860er-Jahre auf die Südinsel Neuseelands aus, um in der Erde der atemberaubenden Bergszenerie ihren zukünftigen Reichtum zu finden. Einer von ihnen war der Franzose Jean Desiré Féraud, der nach dem Goldrausch blieb, um Weinreben anzupflanzen. 1864 setze er die ersten Stöcke in den Boden. Die Weine daraus gelangen und erhielten zwischen 1879 bis 1881 Auszeichnungen bei Weinmessen in Australien. Warum er sein Vermögen in den Weinbau investierte ist genauso unbekannt wie die Fragen, welche Rebsorten er nutzte und wieso er ein Jahr später die Gegend verließ. Und warum es fast ein ganzes Jahrhundert dauerte, bis andere Winzer Central Otago wiederentdeckten.

Denn erst in den 1980er-Jahren kann man hier wirklich vom Beginn des Weinbaus sprechen. Reichlich spät. Nur einen Teil des langen Dornröschenschlafs kann man der Regierung in die Schuhe schieben. Denn ähnlich wie in den Vereinigten Staaten war es in Neuseeland eine Zeitlang (1908 bis 1960) verboten, Alkoholika zu verkaufen. Was passierte aber davor, in der Zeit zwischen Féraud und der Prohibition? Beziehungsweise: Warum passierte da nicht viel? Waren Férauds preisgekrönte Weine nur ein Zufallstreffer? Mitnichten. Man hielt die südlichste Weinregion der Welt schlicht lange für zu kalt, um verlässlich vom Weinbau leben zu können. 

Schneefall in Central Otago, Hütte im Schnee
Lange Winter und kurze Sommer: Central Otagos kontinentales Klima ist ungewöhnlich für Neuseeland. ©Mishas Vineyard

Klima in Central Otago

Die heute 2.000 Hektar große Weinregion Central Otago liegt auf 45 Grad Breite. Weiter östlich können Sie an der Pazifikküste Pinguine beobachten! Die nächste Landmasse gen Süden ist dann auch schon die Antarktis. Central Otago selbst liegt im Inneren der Insel, umschlossen von den Neuseeländischen Alpen. Das Klima ist fast schon kontinental und absolut untypisch für Neuseeland. Es ist nämlich trocken. Während es westlich des Gebirges 6.000 Millimeter jährlich regnet, sind es weiter östlich im Regenschatten der Berge an der trockensten Stelle lediglich 360 Millimeter. Nur ein knappes Zwanzigstel der Menge. Kein Wunder, dass es Winzer gibt, die im Sommer alle zwei Tage bewässern müssen.

Herausfordernd sind für diese dann die fürs Kontinentalklima typischen kurzen Sommer. Lange befürchtete man, die Trauben könnten nicht ausreifen oder durch Frost im Frühling gar nicht erst austreiben. Allerdings gibt es ähnliche klimatische Voraussetzungen auch in anderen kühlen Weingebieten. So wie im Mosel-Tal und im Burgund an der Côte d’Or. Und von dort schaute man sich einen Trick ab, um die Wärme für die Reben zu maximieren und die Frostgefahr zu minimieren.

Extreme Sommer, extreme Frucht

Weinberge am Hang in Central Otago
Hanglagentrick auf Neuseeländisch. © Mishas Vineyard

Hanglagen waren eines der Geheimnisse, denn damit wird die Wirkung der Sonne intensiviert, die auf die Reben eintrifft. Und mit Hängen ist Central Otago gesegnet: Die Region gleicht einem riesigen Kessel, in dem sich die Ausläufer der zerklüfteten Berge mit engen Flusstälern und Seen abwechseln. Central Otago ist dann auch das höchstgelegene Weinbaugebiet in Neuseeland. Im Schnitt befinden sich die Weinberge auf 300 Metern über dem Meeresspiegel, manche gehen, wie an der Mosel, auf bis zu 400 Meter hinauf.

Bis zu 35 Grad kann es trotz der südlichen Lage in den sommerlichen Weingärten werden. Nachts sollte man jedoch selbst im Sommer eine dicke Jacke dabeihaben. Denn das Thermometer geht schon mal bis auf den Gefrierpunkt herunter! Klare Himmel verstärken diese erstaunlich hohen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht. Gut für die Trauben, die so intensive Fruchtaromen bei hoher Weinsäure ausbilden.

Aromen, die in dieser Form einzigartig sind, denn der extreme Unterschied kommt so in keiner anderen neuseeländische Weinregion vor. Schließlich befinden sich etwa das berühmte Marlborough und das benachbarte Martinborough sowie alle anderen in Küstennähe. Dadurch unterliegen sie dem ausgleichenden Einfluss vom Meer. Genau den gibt es in Central Otago nicht. Weswegen die Trauben eben so besonders sind. Férauds Weine nach dem Goldrausch waren also kein Zufallstreffer. Sondern das Ergebnis von perfekten Voraussetzungen. Genau diese entdeckte man ungefähr einhundert Jahre nach Féraud wieder. 

Pioniere in Central Otago

Historische Bild von der Ernte in einem Weingut
Weinliebhaber entdecken nach der Prohibition Neuland wie hier in Central Otago im Jahr 1981. © Alan Brady

Anfang der 1980er-Jahre wagte sich eine Gruppe von Experimentierfreudigen in die Gegend. Das Spektrum war groß, man probierte, was ging und schaute, was passierte. Das Terroir wurde quasi auf Herz, Nieren und Rebsorteneignung getestet. Damals wie heute reicht die Bodenvielfalt von Glimmerschiefer über Kies, Kalkgestein, Sand, Löss und Mergel bin hin zu Granit. Allen gemeinsam ist ein steiniger, nährstoffarmer Untergrund, meist geprägt von Schiefer- oder Grauwacke. Das heißt, dass die Reben meist ordentlich kämpfen müssen, um an Nährstoffe zu gelangen. Hervorragend für kleine, aromatische Beeren.

Darauf pflanzten dann Pioniere ein Potpourri an Rebsorten. Bei Ann Pickney, Krankenschwester und Weinliebhaberin, waren das die weißen Sorten Riesling, Gewürztraminer und Chasselas. Rippon Vineyards, eines der ersten Weingüter der Region, setzte auf der weißen Rebsortenseite Stecklinge von Grünem Veltliner und Chenin Blanc in den Boden. Auf der roten Seite legten die neuen Winzer ihren Schwerpunkt auf Frankreich: in die Erde gelangten die Bordeaux-Varianten Cabernet Sauvignon und Merlot, Gamay aus dem französischen Beaujolais, Syrah von der Rhône und Pinot Noir aus dem Burgund. Allerdings hätte damals aber kaum einer darauf gewettet, dass ausgerechnet die Weine dieser kapriziösen Sorte so gut gelingen würde. 

Vom Potpourri zu Pinot Noir

Reife Pinot Noir-Trauben im Weinberg im Sonnenlicht
Star im Sonnenschein: Pinot Noir-Trauben in Central Otago.

Faszinierend ist der besondere Stil der Pinot Noir-Weine aus Central Otago: reife, opulente rote Frucht, von Kirsche und Himbeere dominiert, die kraftvoll und konzentriert auftreten. Trotzdem machen die sanften Tannine und der Barrique-Ausbau die Weine zu Gaumenschmeichlern. Genau das überzeugte Anfang der 1990er-Jahre zunächst die einheimischen Weintrinker. Als die neuseeländische Winzervereinigung COPNL Central Otago Pinot Noir Ltd. dann einige Flaschen des 2002er-Jahrgangs zu einer Verkostung nach London schickte, war die internationale Aufmerksamkeit da. Das war Pinot Noir, wie man ihn noch nicht kannte! Viel fruchtiger und auch dank meist um die 14 Volumenprozent Alkohol voller als die Varianten aus dem französischen Burgund und dennoch samtweich am Gaumen. 

Wissenschaftler vermuten heute, dass ein Teil dieses besonderen Geschmacks auf den hohen Anteil an UV-Licht in der Gegend zurückzuführen ist. Denn die extrem klare Luft besorgt Central Otago etwa 40 Prozent mehr UV-Strahlung, als sein Breitengrad vermuten lässt. Und das trägt dann eben auch zur charakteristisch dunklen Farbe und Intensität der Aromen in den Beeren bei. Und im weltweit einmaligen Wein aus Neuseelands südlichsten Region, der auf einmal hoch gefragt war!

Central Otago heute

In der Folge schossen die Rebflächen und die Anzahl der Weingüter in Central Otago immens in die Höhe: Im Jahr 1997 waren es lediglich vierzehn Produzenten, die 200 Hektar bewirtschafteten. Reichlich zwanzig Jahre später hat sich die Fläche 2018 auf 1.900 Hektar nahezu verzehnfacht! Der Star in den Weinbergen der heute 211 Weingüter ist dabei ganz klar Pinot Noir. Sie wächst auf sagenhaften 75 Prozent der Rebflächen! 

Weinregion Central Otago mit Unterregionen auf einer Karte
Hier sind die Unterregionen von Central Otago. © Wine in Black

Die frühen Pioniere hegten ihre Reben geographisch weit voneinander verstreut, in drei Unterregionen: Ganz im Westen von Central Otago, im kühlsten Teilbereich Gibbston, im nördlichen Wanaka, und im südlichsten Bereich Alexandra, das die extremsten Temperaturunterschiede hat. Das Gros der Weingüter befindet sich heute genau dazwischen, in weiteren drei Subzonen: im wärmeren Cromwell-Becken und den angrenzenden Regionen Bendigo und Bannockburn. Warum sich genau dazwischen 70 Prozent der Weingüter befinden? Das liegt am See Dunstan, der hier 1992 künstlich angestaut wurde. Und seitdem die Bewässerung der Rebgärten sicherstellt.

Bei sechs Teilbereichen könnte man vermuten, dass sich deren Weine auch stilistisch unterscheiden. Tatsächlich ist es aber so, dass die Ausrichtung der Weinberge und die Böden innerhalb der einzelnen Regionen so divers sind, dass man nicht von Stilen sprechen kann. Zumindest nicht innerhalb der unterschiedlichen Subzonen. Trotzdem gab es nicht immer den einen Pinot Noir-Stil. Denn die Weine haben sich im Laufe der Zeit verändert. Die heutigen Weine orientieren sich am Burgund: Sie sind feiner, als die Exemplare der Pioniere. Dazu wurden Alkohol, Farbe und Röstaromen vom Ausbau im neuen Eichenfass etwas runtergedreht. Gleich geblieben ist die Frucht. Das neue Kursziel heißt Frucht mit Finesse aus Central Otago. 

Drei Weinflaschen auf einem Tablett auf einem Gartentisch
War damals fruchtiger und alkoholhaltiger als heute: Pinot Noir aus Central Otago. © Wild Irishman Wines

Nicht nur Pinot Noir: Central Otagos Rebsortenschatz

Aber auch andere Reben haben sich in Central Otago etabliert. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass aus den weißen Sorten Pinot Gris (170 Hektar), Riesling (60 Hektar) und Chardonnay (70 Hektar) spannende Weine entstehen. Allen gemeinsam ist eine intensive Fruchtaromatik mit präziser Struktur und - je nach Rebsorte - hohem Gehalt an Weinsäure. 

Auch wenn sie in Central Otago wenig Fläche belegt, gehören ihre Weine sie zu den äußerst spannenden Cool Climate-Klassikern. Riesling. Hier bestechen sie neben ihrer straffen Weinsäure mit Zitrus- und Blumenaromen sowie einem präzisen Finale. Dabei reichen die Stile von trocken bis hin zu edelsüß. Allerdings sind letztere eine echte Rarität. Denn der dafür verantwortliche Edelpilz Botrytis braucht feuchten Herbstnebel. Central Otago ist dafür meist zu trocken. 

Wo Chardonnay und Pinot Noir gedeihen, ist Prickelndes oft nicht weit. Und richtig, eine weitere Besonderheit sind hier daher Schaumweine, traditionell mit klassischer Flaschengärung hergestellt. Falls Sie sich jetzt fragen, ob Neuseelands Top-Sorte Sauvignon Blanc auch in Central Otago wächst: Ja, das tut sie. Allerdings muss sie sich nahezu mit einem Zuschauerplatz begnügen: man findet sie auf lediglich 40 Hektar. Der Rebsorten-Star ist halt eindeutig Pinot Noir. Und beweist immer wieder, dass Neuseeland nicht nur durch seine einzigartig frischen Weißweine glänzt. Sondern auch durch exzellente Rote, die Genießer zum Schwärmen bringen. Willkommen im neuseeländischen Rotwein-Mekka!

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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