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Gigondas: Raffinierte Weine von der südlichen Rhô­ne

Lange Zeit stand Gigondas im Schatten der Nachbar-Appellation Châteauneuf-du-Pape. Dank der eleganten Weine hat sich das inzwischen geändert. Schauen wir uns das kleine Gebiet im Hinterland der südlichen Rhô­ne mal genauer an.

Nicole Korzonnek Von Nicole Korzonnek

  | 4. November 2021

Markant ragen die Felsenspitzen der Dentelles de Montmirail auf und prägen mit ihrem kantigen Kamm die Landschaft von Gigondas. Und legen Zeugnis ab. Nämlich davon, wie mächtig die Erde hier vor 150 Millionen Jahren in Bewegung war. Damals türmte sich das Gebirge senkrecht auf, faltete Bodenart um Bodenart und formte so das Terroir-Mosaik, mit dem die Gigondas-Winzer heute arbeiten. Kalkmergel dominiert, flankiert von blauem Ton und rotem Lehm. Bis nach Ventoux gedeihen hier die Reben, die teilweise uralt sind. Der älteste noch bewirtschaftete Weingarten stammt aus dem Jahr 1880 und gehört dem Château de Saint Cosme. Es war der erste Weinberg, der nach der verheerenden Reblauskatastrophe in den 1880er-Jahren wieder angelegt wurde. Es ist aber nicht der einzige historische Schatz, auf den Winzer Louis Barruol zurückgreifen kann.

Denn auf Château de Saint Cosme befinden sich drei in den blanken Fels geschlagene Gärbottiche. Diese stammen noch aus der Zeit der römischen Besatzung und zeugen davon, dass in Gigondas schon lange vor Châteauneuf-du-Pape Weinbau betrieben wurde. Dort machten schließlich erst die Päpste im 14. Jahrhundert auf die Region der südlichen Rhô­ne aufmerksam. In Gigondas aber erfreute sich bereits der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23 bis 79 nach Christus) an den Weinen aus der Gegend.

Rotwein wird aus einer Weinflasche in ein Weinglas eingegossen

Er war nicht der einzige Römer, dem die Weine gefielen. Nicht umsonst geht der heutige Name Gigondas für die Stadt sowie die gleichnamige Region auf das lateinische Wort Jucunditas zurück, das übersetzt so viel wie "Freude" heißt. Ein wahrhaft großes Prädikat. Der Name blieb, aber das Renommee verschwand leider zusammen mit den Römern. Und während die Päpste dann eben in Châteauneuf-du-Pape weilten und der Region zu ihrem Renommee verhalfen, versank Gigondas still und stumm in die Bedeutungslosigkeit.

Karte von der südlichen Rhô­ne mit Châteauneuf-du-Pape und Gigondas
Hier findet man Gigondas an der südlichen Rhô­ne. © Wine in Black

Gigondas: Appellation der Extreme

Ganz so verwunderlich ist das übrigens nicht. Denn das gerade einmal 1.200 Hektar Rebfläche umfassende Gebiet, das südlich von Châteauneuf-du-Pape liegt, ist noch karger und ungastlicher als der große Bruder. Gigondas liegt komplett im Rhô­ne-Hinterland. Zwar herrscht hier ein mediterranes Klima, aber im Sommer erdrückt die Hitze die Reben fast. Nur der kühle Wind des Mistral verhindert, dass man hier statt Marmelade eben doch Wein macht. Auch Ausrichtung und Höhe der Weingärten können Erleichterung bringen. Die bevorzugten Lagen haben ein südwestliche Ausrichtung und liegen auf 500 Metern Höhe. Hier kühlt es nachts genug ab, sodass die 2.800 jährlichen Sonnenstunden eine dann doch positive Wirkung haben.

In Châteauneuf-du-Pape hingegen war das Klima lange Zeit milder. Und die großen Kieselsteine, die dort die Landschaft prägen sind bis heute ein großer Vorteil für den Weinbau. Tagsüber speichern sie Hitze, nachts gegeben sie sie ab. Zum einen sorgt das für eine sehr gleichmäßige Traubenreife. Zum anderen aber auch für eine hohe Geschmackskontinuität. Die einzelnen Jahrgänge fallen nicht so extrem unterschiedlich aus wie in Gigondas.

Zwei Weingläser mit Rotwein vor schwarzem Hintergrund

Hier ist man quasi auf Gedeih und Verderb dem Mistral ausgeliefert. Wenn er in einem heißen Sommer nicht ordentlich bläst, geraten die Weine schon mal arg füllig. Der wichtigste Grund, warum Gigondas aber all die Jahrhunderte im Schatten von Châteauneuf-du-Pape stand, war tatsächlich ein anderer. Denn während der große Bruder seine Reben bereits sortenrein bewirtschaftete und ausbaute, spielte das in Gigondas bis zum späten 19. Jahrhundert nur eine untergeordnete Rolle. So war etwa der sogenannte Mischsatz durchaus üblich. Also ein Durcheinander an Rebsorten, die gemeinsam in einem Weingarten wuchsen und auch zeitgleich miteinander geerntet und vinifiziert wurden. In Châteauneuf-du-Pape indes komponierte man zu diesem Zeitpunkt aber schon kunstvolle Cuvées. Und die kamen derart gut an, dass Châteauneuf-du-Pape im Jahr 1923 den Status einer eigenen Appellation erhielt. Damit warf der große Bruder einen noch größeren Schatten auf Gigondas.

Alte Rebstöcke in der französischen Appellation Gigondas.
Heiß, heißer, Gigondas.

Gigondas: Auf Spott und Hohn folgt der Triumph

Dort bemühten sich die Winzer verzweifelt, aufzuholen. 1924 schlossen sie sich zu einer Initiative zusammen, die versuchte, dass sich auch Gigondas als eigenständige Appellation etablieren durfte. Doch die Anträge scheiterten. Noch schlimmer: Gigondas bekam recht zügig den Beinamen "Châteauneuf-du-Pape für Arme" und war damit dem Spott der französischen Weinwelt ausgesetzt! Zum Glück ließen sich die Vignerons nicht entmutigen. Obwohl ihre Stimme recht klein und dementsprechend dünn war. Denn nach der Reblauskatastrophe Mitte des 19. Jahrhunderts lagen viele Rebflächen einfach brach. Und das, was noch da war, wurde 1956 durch legendäre Fröste fast komplett vernichtet. Das schrie förmlich nach Kapitulation. Aber nicht mit den Gigondas-Winzern!

Sie sahen den Frost als Chance und rekultivierten ihre Weingärten. Jetzt nicht mehr im Mischsatz, sondern Rebsorte für Rebsorte. Außerdem achteten sie erstmals darauf, dass jede Sorte an dem für sie idealen Ort eine neue Heimat fand. Für Grenache hieß das vor allem Kalk und Kalkmergel als Boden, wo die Trauben herrlich kühle und mineralische Noten entwickeln. Gleichzeitig reduzierte man den Ertrag und ging bei der Vinifikation etwas umsichtiger vor. Kurzum: eine Qualitätsoffensive begann. Und genau die führte dann 1971 endlich zum Erfolg. Gigondas wurde eine eigenständige Appellation.

Mann gießt Rotwein in ein Weinglas
"Châteauneuf-du-Pape für Arme"? Mitnichten! Die Gigondas-Gewächse haben sich inzwischen einständig etabliert.

Von Regeln und Bemühungen

Mit diesem Cru-Status kamen dann auch die strengen Produktionsregeln nach Gigondas. So ist zum Beispiel nur noch ein Ertrag von maximal 35 Hektolitern pro Hektar gestattet. Nur mal zum Vergleich: für Große Gewächse in Deutschland, die ja quasi die Königsklasse bei den trockenen Weinen bilden, dürfen es bis zu 50 Hektoliter pro Hektar sein. Weißweine verbannte man komplett. Es werden nur noch rote Trauben kultiviert. Der Löwenanteil fällt dabei auf die Rebsorte Grenache, der im weiten Abstand Syrah, Mourvèdre und ein wenig Cinsault folgen. Da wundert es auch nicht, dass Grenache in jeder Cuvée vertreten sein muss. Nämlich bis maximal 80 Prozent. Für Syrah und Mourvèdre sind zusammen mindestens 15 Prozent vorgeschrieben. Der Rest ist dann aber frei variierbar. Lediglich ein Prozent der Produktionsmenge entfällt auf Rosés.

Das hört sich jetzt alles recht technisch an. Willkommen im strengen französischen Appellationssystem. Allerdings steckt tatsächlich auch sehr viel Herzblut drin. Denn trotz der Krönung zur Appellation wurde Gigondas seinen Ruf als Châteauneuf-du-Pape für Arme nicht ganz los. Die Weine waren kleine Tannin-Monster, hatten einen hohen Alkoholwert und waren trotzdem nicht so lange lagerbar wie die Gewächse des großen Bruders. Zwar bestachen die Weine mit einer pikanten Würze, aber diese war eher wild und kantig und damit nun mal nicht elegant genug, um mit einem Pendant aus Châteauneuf-du-Pape konkurrieren zu können.

Reife rote Trauben am Rebstock in einer Detailaufnahme
Grenache ist der Star in Gigondas.

Eine Appellation erfindet sich neu

Und genau an dieser Stellen kommt dann wieder das Château de Saint Cosme vom Anfang mit ins Spiel. Henry Barruol, der Vater des jetzigen Winzers Louis Barruol, begann Mitte der 1980er-Jahre damit, bei der Vinifikation nicht mehr ganz so viel Extrakt zu gewinnen. So verzichtete er etwa auf das Untertauchen des Tresterhutes. Zugleich verbannte er bereits damals künstliche Dünger aus seinen Weingärten und reicherte den Boden lieber mit Schafsmist an. Barruol gehörte zu den ersten Vignerons, die auf den Charakter des Terroirs setzten statt auf ein voluminöses Mundgefühl, das von viel Alkohol getragen wurde. Louis Barruol folgte dem Vorbild seines Vaters, setzte um die Jahrtausendwende aber noch einen drauf. Traditionell werden die Weine in Gigondas in alten Holzfudern ausgebaut. Barruol aber nahm dafür erstmals neues Holz und kleinere Eichenfässer, um so die Tannine zu zähmen. Damit schaffte er eine regelrechte Bewegung.

Während die Traditionalisten weiterhin bei ihren Fudern und den voluminösen Weinen blieben, wollten die Modernisten weg von den alkoholschweren Blockbustern, hin zu mehr Eleganz, Kühle und Raffinesse. Das Besondere: während es in anderen Weinbaugebieten der Welt wie etwa dem italienischen Piemont regelrechte Grabenkämpfe zwischen Traditionalisten und Modernisten gab (Stichwort Barolo), lebten sie in Gigondas von Anfang an in friedlicher Koexistenz. Womit man sich am Markt quasi gegenseitig stärkte und so der Appellation zu mehr Prestige verhalf. Und es nach wie vor tut.

Drei Frauen stoßen mit Rotweingläsern im Sonnenuntergang an
Inzwischen sind die Weine aus Gigondas sehr begehrt.

Elegante Weine aus Gigondas

Hinzu kommt, dass den Winzern in Gigondas inzwischen auch der Klimawandel in die Hände spielt. Bei ihnen war es schon immer wärmer als in Châteauneuf-du-Pape. Weswegen man ja in die Höhe ging und die Ausrichtung variierte. Und zwar bevor man den Cru-Status bekam. Diesen Vorteil haben die Winzer in Châteauneuf-du-Pape nicht. Sie müssten jetzt auf die immer wärmer werdenden Sommer reagieren, können aber an den festgelegten Lagen nicht mehr wirklich etwas ändern. Da bleiben dann nur noch Laubdach-Management (mehr Blätter gleich weniger Sonneneinwirkung) und Kellertechnik (schonende Vinifikation), um keine Alkoholmonster zu erschaffen. Das, was einst für Gigondas galt, ist hier jetzt also das Problem. Und Gigondas? Dort lehnt man sich entspannt zurück und ist stolz darauf, dass die Weine immer feiner und finessenreicher geraten. 

Wobei sich die Winzer nicht wirklich zurücklehnen. Zum einen gilt es, die eigene Stellung zu behaupten. Denn immer mehr Weingüter aus Châteauneuf-du-Pape entdecken seit zehn Jahren das Terroir von Gigondas für sich. Zum anderen setzen sie verstärkt auf ökologische Bewirtschaftung und auf neue Ausbaumethoden. Damit die Weine weiterhin trotz der Wärme ebenso elegant wie würzig geraten und dabei auch eine schöne Frucht nicht vermissen lassen. Momentan probieren sich einige Winzer darin aus, ihre Weine in Zementtanks auszubauen. Oder im Betonei. Für noch mehr Klarheit und Harmonie in den Gewächsen.

Es bleibt spannend in Gigondas. Als Weinliebhaber lohnt es sich allemal, die Region im Auge zu behalten. Denn obwohl man dort im Hinterland der südlichen Rhô­ne qualitativ Châteauneuf-du-Pape längst aufgeholt hat, spiegelt sich das nicht im Preis wider. Weine aus Gigondas sind nämlich trotz der Wertsteigerung nur mäßig teurer geworden. Das sollte man nutzen, bevor auch hier an der Preisspirale gedreht wird.

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