Kategorien
Frankreich Rhône

Hermitage: Legendärer Syrah von der Rhône

Ihre Rotweine gehören zu den berühmtesten der Welt: Syrah aus der französischen Appellation Hermitage. Entdecken Sie mit uns das spektakuläre Gebiet, das seinen Namen einem Kreuzritter verdankt. Und mit einer Weißwein-Rarität aufwartet.

Schillernd ist die Legende, die sich um die wohl berühmteste Appellation und ihren Hügel im nördlichen Rhône-Tal rankt. Im Jahr 1224 soll sich der Kreuzritter Gaspard de Stérimberg hier im Osten Frankreichs vom Krieg erholt und der Welt entsagt haben. Als Eremit - französisch "ermite" - in einer kleinen Kapelle ganz oben auf dem Berg, der seitdem "Hermitage" heißt. Der Legende nach begann der Kreuzritter, Syrah-Rebstöcke anzupflanzen und hier als Erster Wein zu machen. Quasi als Vorläufer der Weine, die bis heute den Puls von Liebhabern schneller schlagen lassen. Aufgrund der Qualität und oft auch aufgrund des Preises. Denn bis zu 4.000 Euro und mehr sind für die Spitzenqualitäten drin. Der Einsiedler stand dann ebenfalls der 1937 gegründete Appellation Namenspate. Auch sie heißt "Hermitage".

Wie in der Legende gibt es tatsächlich oben auf der Bergkuppe eine mittelalterliche Kapelle. Weinbau gibt es aber schon viel länger, nämlich seit der Römerzeit im ersten Jahrhundert nach Christi. Bereits der antike Autor Plinius der Ältere (23 bis 79) hat über die Weine von hier geschwärmt. Im Laufe der Jahrhunderte reihten sich zahlreiche Könige und der russische Zarenhof in die Fangemeinde der charaktervollen Rot- und Weißweine ein. Kein hoher Besuch ohne Hermitage! Dabei gehören die Weine nicht nur zu den berühmtesten Frankreichs. Sie gehören auch zu den rarsten der Welt, wofür schon der begrenzte Platz auf dem Hügel sorgt.

Weinbau in exklusiver Lage

Die Appellation Hermitage liegt am östlichen Ufer der Rhône, die hier ihren geraden Lauf zugunsten einer spektakulären Kurve ändert. Sie umfließt das kleine Städtchen Tain-l’Hermitage am Fuße des steil auf 330 Meter ansteigenden Berges. Wer von dort die gewundenen Wege durch die terrassierten Weingärten hochsteigt, sollte genügend Kondition mitbringen. Von oben aus hat man einen sagenhaften Blick über den Fluss, hinüber ins Ardèche-Gebirge und in die Voralpen. Eine magische Szenerie. 

Karte der Appellation Hermitage im Rhône-Tal
Und hier ist die Hermitage an der nördlichen Rhône verortet. © Wine in Black

Die Rebflächen sind mit 136 Hektar eher klein. Sie entsprechen dem Areal eines größeren Weinguts im Bordeaux. Dort besitzt allein Château Lafite-Rothschild 112 Hektar! Daher wundert es nicht, dass der Platz in der Appellation Hermitage nur für etwa zwei Dutzend Produzenten und eine Winzergenossenschaft reicht. Die Winzer, die das Glück haben, hier anbauen zu können, brauchen definitiv Ausdauer. Denn an den Hängen ist fast ausschließlich Handarbeit möglich. Für diese Mühen werden sie aber mit exzellenten Bedingungen für ihre Reben entschädigt.

Von Sonne und Steilhängen

80 Kilometer von Lyon entfernt, treffen in der Appellation Hermitage zwei unterschiedliche klimatische Einflüsse aufeinander. Als Teil der nördlichen Rhône unterliegt sie erstmal dem kontinentalen Klima, sprich kurze Sommer. Genau das ist eigentlich eher ungünstig für die wärmeliebende Sorte Syrah. Warum aber wird sie dann überall angebaut?  Das Geheimnis ist die besondere Lage der Hermitage, nämlich ganz im Süden der nördlichen Rhône. Bis hierhin reicht das mediterrane Klima vom Mittelmeer, das die Durchschnittstemperatur erhöht. So ist es hier im Schnitt ein Grad wärmer als ganz im Norden der Rhône. Die Reben reifen damit etwa eine Woche früher. 

Und es kommen noch mehr Faktoren hinzu, die die Region ideal für Syrah machen! So sind alle Hänge der Appellation Hermitage perfekt nach Süden ausgerichtet und sichern ein Maximum an Sonnenschein. Eine zusätzliche Portion Wärme erhalten die Pflanzen durch die Steillage - ein Phänomen, das sich auch Mosel-Winzer zunutze machen. Denn je steiler der Weinberg, desto intensiver trifft die Sonne darauf. Dadurch erhalten die Reben auch im Herbst genügend Sonne. Zudem schützt der Berg die Weinhänge vor den kalten La-Bise-Nordwinden, die durch das enge Tal pfeifen. Dieser besondere Mix aus milden und kühlenden Einflüssen sorgt dann dafür, dass die Trauben hier behutsam ausreifen und dabei komplexe Aromen ausbilden.

Hermitage Weinberge: Blick auf die Rhône
Auf den steilen Weinbergen in der Hermitage kann Syrah ihr volles Potenzial entfalten.

So schmeckt eine Rotwein-Legende

In der Hermitage regiert mit 70 Prozent der Rotwein. Ihr unangefochtener König ist Syrah, die einzige erlaubte rote Rebsorte. Aus ihr werden komplexe, kraftvolle Weine gemacht, die schon im 17. Jahrhundert so gut waren, dass sie am französischen Hofe gereicht wurden. Bis heute beeindrucken sie durch ihre außerordentliche Vielschichtigkeit. Wie wenig andere Weine auf der Welt vereinen sie Fülle und Eleganz.

Im Glas leuchten sie tiefdunkel. Ein klarer Hinweis auf den hohen Tanningehalt der Sorte. Erstaunlicherweise hat man in der Vergangenheit herausgefunden, dass ein Schuss Weißwein diese Farbe stabilisiert. Daher dürfen Kellermeister bis zu 15 Prozent der Sorten Roussanne und Marsanne hinzugeben. Schwenkt man den Wein im Glas, entsteigen Aromen von reifen dunklen Früchten. Hinzu kommen feine Noten von Veilchen, Mokka, Lakritz, Graphit und Rauch. Beim ersten Schluck haben gestandene Weinverkoster einen guten Hermitage schon mit einem Bordeaux verwechselt. Beim genaueren Hinschmecken zeigt sich dann aber das Syrah-Typische: würzige, fleischige Aromen, die an Räucherspeck, Erde, Leder und Wild erinnern.

Was früher Schriftsteller, Könige und Zaren verzückte, versetzte im 20. Jahrhundert Weinkritiker in Ekstase. Anfang der 1990er-Jahre durchbrachen zwei Weine aus der Appellation die 100-Punkte-Schallmauer des einflussreichen us-amerikanischen Verkosters Robert Parker. Einer dieser Weine war der 'La Chapelle' aus dem Jahr 1961 von Paul Jaboulet Aîné. Ein Tropfen, der heute als Ikone gilt. Parker zählt ihn zu den besten Weinen des 20. Jahrhunderts und einem Großen Gewächs aus dem Bordeaux absolut ebenbürtig.

Holzvertäfelte Weinbar
Noble Bar, noble Weine: Hier finden Sie ziemlich sicher Hermitage und Bordeaux auf der Weinkarte.

Hermitage-Wein im Bordeaux

Die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Weinen haben sogar eine Geschichte. Sie ähneln sich nicht nur in Fülle und Lagerpotenzial. Sie wurden sogar miteinander verblendet! So war es im 18. und 19. Jahrhundert gängige Praxis, einen Schuss Syrah aus der Region Hermitage hinzuzufügen, wenn der Jahrgang im Bordeaux schlecht war. Oder der Aprilfrost Blüten zerstört und so den Ertrag verkleinert hatte. Weil es so verbreitet war, hat sich ein eigenes Wort dafür etabliert. Man flüsterte hinter vorgehaltener Hand, dass ein Wein "hermitagiert" sei, was durchaus als Kritik gemeint war.

Selbst die absoluten Spitzenhäuser wie Château Lafite und Palmer nutzten diesen Mix. Natürlich selten offiziell. Aber gelegentlich wunderten sich Verkoster in ihren Weinnotizen aus dieser Zeit, warum die Weine so kraftvoll sind, obwohl die Wetterbedingungen eher anderes vermuten ließen. Als dann aber im 20. Jahrhundert im Bordeaux und in Hermitage das französische Appellationssystem eingeführt wurde, verbot man diese Art der Cuvée. Schließlich sollen die Weine typisch für die jeweilige Region sein. Und für Syrah ist es im Bordeaux nun mal zu kalt. Gemischt wird aber auch heute in der Hermitage. Denn fast alle Weine enthalten Trauben aus verschiedenen Teilbereichen.

Granit als Basis: Komplexe Böden, komplexer Wein

Was macht man, wenn man einen möglichst vielschichtigen Wein erzeugen möchte, für die die Region so berühmt ist? Genau, man kombiniert. Und erhöht dadurch die Komplexität. Der von Parker so gelobte 'La Chapelle' etwa ist eine Cuvée aus sechs verschiedenen Parzellen, hier auch "climats" oder "lieux-dits" genannt. Die genaue Zusammensetzung des Weins variiert dabei von Jahr zu Jahr und ist natürlich ein gut gehütetes Geheimnis.

Grob kann man die Hermitage in vier Zonen einteilen. Als besonders gut gelten die steilen Lagen im Westen. Dort herrscht wärmespeichernder Granit vor mit sandigen Auflagen. Das sorgt für die kräftigsten, strukturiertesten und langlebigsten Grundweine. "Kein Granit – kein langes Leben", so bringt es der Winzer Gérard Chave auf den Punkt. Der hohe Granitanteil ist auch für die Würznoten wie Schinkenspeck, Rauch und Pfeffer verantwortlich. In die besten Hermitage-Weine gehört also eine ordentliche Portion aus diesem Teil! 

Mann im Anzug mit einem Glas Rotwein in einem eleganten Holzstuhl
Komplex, kraftvoll und zugleich elegant: So schmeckt ein Hermitage.

Weiter östlich gibt es in der Mitte zwei kleinere Bereiche, die beide feine, fruchtig-aromatische Beeren hervorbringen: auf der Hügelkuppe dominieren Kalk- und Feuerstein, die hangabwärts in Lehm-Kies-Böden übergehen. Ganz im Osten hingegen gibt es fruchtbare Lehmböden, die in den Trauben die erdig-würzigen Note betonen. Besonders gut sind diese Böden für zwei Weißweinsorten geeignet, die in der Praxis heute nur selten mit Syrah verschnitten werden. Wozu auch, sind doch ihre Weißweine selbst schon legendär.

Hermitage Blanc: Alterungsfähige Weißweine

Schaut man sich als Weißwein-Liebhaber die Region an, kann man nur neidisch sein, dass die Syrah-Weine so berühmt sind. Denn auch die Weißen geraten hier so einzigartig, dass man gern mehr davon hätte. Zumindest ein kleines bisschen mehr als die 30 Prozent Anteil an der Gesamtproduktion. Denn so ein Hermitage Blanc ist ein Unikat. Strahlend goldgelb, fast ölig bewegt er sich im Glas und öffnet dann langsam sein Aromenspektrum, das kein anderer Weißwein der Welt hat: Pfirsich, Quitte und ein typischer Nusston. Auch Blütenhonig und rauchige Noten finden sich, alles zusammengehalten von einem stattlichen Körper und dennoch seidiger Struktur. Als der spätere us-amerikanische Präsident Thomas Jefferson im 18. Jahrhundert 550 Flaschen eines Weißen Hermitage erwirbt, gehört dieser zu Frankreichs teuersten Weinen.

Verantwortlich sind dafür die beiden authochthonen Sorten Marsanne und Rousanne. Marsanne sorgt für die Kraft und Nussaromen, Roussane für Eleganz und blumige Noten. Letztere kommt nur in geringen Dosen hinzu, da sie zur Oxidation neigt. Marsanne sorgt auch dafür, dass der Wein bis zu fünfzehn Jahre lagern kann. Außergewöhnlich für einen Weißen.

Aus beiden Trauben wird in manchen Jahren eine absolute Rarität gewonnen, der Dessertwein Vin de paille. Dafür werden die Trauben wie beim Appassimento-Verfahrens in Italien, nach der Lese auf Strohmatten oder in Holzkisten getrocknet. Dadurch verdunstet ein Teil der Flüssigkeit in den Trauben, der Zuckeranteil erhöht sich und die Aromen konzentrieren sich. Erst danach werden die rosinierten Trauben vergoren. Das Ergebnis ist ein verführerisch dichter Süßwein, der nach kandierten Früchten riecht.

Weiße Trauben auf Strohmatten
Sonne, Strohmatte, Süßwein: So trocknen die Trauben für einen Vin de paille.

Hermitage: Raritäten, Raritäten!

Ein Vin de paille aus der Hermitage gehört zu den rarsten Weinen, die Sie weltweit bekommen können. Die trockenen Weißweine hingegen werden regelmäßiger produziert, sind aber außerhalb Frankreichs immer noch eher selten zu bekommen. Bei den Rotweinen sieht das Ganze schon etwas besser aus. Aber eben nur etwas. Denn die Flächen für neue Rebstöcke sind begrenzt. Und voll ausgereizt. Ein Beispiel gefällig? In den vergangenen 50 Jahren waren bereits 123 Hektar mit Reben bestockt. Heute sind es ganze 13 Hektar mehr. Der Hügel ist vollständig bepflanzt

Da wundert es nicht, dass man auch bei der jährlichen Produktion im sehr exklusiven Bereich liegt: lediglich 5.200 Hektoliter wurden 2018 produziert. In ganz Bordeaux sind es jährlich um die 6 Millionen Hektoliter. Geringe Produktion bei exzellentem Wein geht natürlich mit teuren Preisen einher. Im Schnitt zahlen Sie für einen klassischen Hermitage um die 60 Euro pro Flasche. Da mag man sich insgeheim fragen: Lohnt sich das denn? Klar, dass wir das an dieser Stelle nur für uns beantworten können. Und zwar mit einem schwärmerischen Unbedingt! Wir öffnen dann mal eine Rotwein-Legende und danken den Winzern, dass sie keine Mühen scheuen, um uns derart einzigartige Weine zu bescheren!

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

Weine aus unserem Shop, die zu diesem Artikel passen:

4 Antworten auf „Hermitage: Legendärer Syrah von der Rhône“