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Korkschmecker – Erzfeind des Weinliebhabers

Es gibt Themen, die sind für Genussmenschen unangenehm. Ja, sogar tragisch. Trotzdem muss man sich manchmal einem Feind einfach stellen. Bitte seien Sie tapfer. Jetzt geht es um den schlimmsten Weinfehler überhaupt. Den Korkschmecker.

Er soll das Highlight des Abends sein: der lang gereifte Wein aus dem eigenen Keller. Ein teurer Tropfen, der mit den Jahren achtsamer Lagerung nur noch wertvoller geworden ist. Und jetzt! Endlich! Der Anlass passt, die Stimmung auch. Schon einen Tag vorher wird der große Moment zelebriert. Man holt die Flasche aus ihrem Regal, bringt sie langsam aus der liegenden in eine stehende Position. Damit sich das gebildete Depot in Ruhe am Boden absetzen kann. Gerade ist nichts wichtiger, als dass sich der Wein gut akklimatisiert und optimal für seinen großen Moment vorbereitet wird. Niemand, wirklich niemand denkt an dieser Stelle schon an den ebenso berühmten wie berüchtigten Korkschmecker.

Dann schlägt endlich die große Stunde des Weins! Behutsam öffnet man die Flasche. Vielleicht ist der Korken aufgrund des Alters sogar schon ein wenig bröselig, sodass ein Federkorkenzieher zum Einsatz kommen muss? Jetzt bitte ganz behutsam sein und vorsichtig den Korken herausziehen. Uff, geschafft. Bleibt nur noch, den Wein umsichtig zu dekantieren. Aber vorher noch am Korken riechen. Das machen ja auch schließlich die Sommeliers als Profis so. Doch dann! Kaum schnuppert man, liegt die Weinwelt in Scherben. Der Wein hat einen Korkton!

Detailaufnahme von einem Kellnermesser, das in einem Korken steckt - Korkschmecker
Sobald man den Korken zieht, fängt das Bangen um eine fehlerfreie Flasche an.

So erkennen Sie einen Korkschmecker

Dass jetzt die meisten Weinliebhaber zusammenzucken, ist klar. Dieser muffig-feuchte Kellergeruch, der dem Korken entströmt, ist einfach grausam. Manchmal riecht es auch nur nach nasser und leicht schimmliger Pappe. Was aber immer mit dabei ist: der unverkennbare modrige Ton, an dem sich ein ausgewachsener Korkschmecker erkennen lässt. Die Betonung liegt auf ausgewachsen. Denn tatsächlich wird der meist verbreitete Weinfehler überhaupt oft gar nicht bemerkt. Manchmal ist er so schwach, dass man schon eine sehr feine oder gut trainierte Nase haben muss. Wie viele Weine tatsächlich von diesem Fehlton betroffen sind, beschäftigt die Experten rund um den Globus. Der kleinste gemeinsame Nenner liegt bei drei Prozent aller produzierten Flaschen in sämtlichen Größen. Andere Wissenschaftler behaupten indes sogar, dass es 15 Prozent sind. Wobei die drei Prozent schon sage und schreibe eine Milliarde Weinflaschen jährlich betreffen. Ja, Sie haben richtig gelesen. Milliarde. Nicht Million.

Dabei bleiben die meisten Korkschmecker tatsächlich unentdeckt. Einfach, weil die Menge des chemischen Stoffs, der ihn auslöst, so verschwindend gering ist, dass man ihn nur mit einer Supernase entdecken kann. Oder mit einem Messgerät. Unlängst wurde nämlich in der Schweiz an der Universität Fribourg in Zusammenarbeit mit der Universität Bordeaux ein Sensor entwickelt, der die Moleküle einfängt. Kann der chemische Stoff nachgewiesen werden, fängt das Gerät an zu blinken. Besser ist es natürlich, den Korkton komplett auszumerzen statt ihn nur zu entdecken. Schauen wir uns also mal an, was genau den gefürchteten Weinfehler auslöst.

Viele Weinflaschen, die liegend in einem Weinkeller lagern
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Flaschen einen Korkschmecker hat, ist nicht eben gering.

Quelle des Übels: TCA

Korkschmecker ist unter Weinliebhabern auch noch unter der Abkürzung seines chemischen Namens bekannt: TCA. Diese drei Buchstaben stehen für Trichloranisol. 2,4,6-Trichloranisol, um genau zu sein. Dieser Stoff entsteht durch mikrobielle Methylierung von Trichlorphenol (TCP). Das klingt jetzt erstmal furchtbar kompliziert. Willkommen in der Welt der Chemie! Es geht aber auch einfacher. Grob gesagt entsteht TCA, wenn chlorhaltige Substanzen mit dem Phenol im Naturkorken in Berührung kommen. Und das kann an gleich mehreren Stellen passieren, wie Professor Hans Tanner von der Eidgenössischen Forschungsanstalt im Schweizer Wädenswil im Jahr 1981 erstmals herausfand.

Etwa an der Quelle selbst. Den Korkeichen. Die findet man auf der Iberischen Halbinsel. Größtenteils in Portugal. Und auch noch in Spanien. Bis in die 1980er-Jahre wurden die Korkeichen regelrecht geschröpft. Einfach, weil die Nachfrage so riesig war. Damit die Eiche ungehindert neue Rinde bilden konnte, kam verstärkt Pflanzenschutzmittel zum Einsatz. In denen eben auch ein wenig Chlor ist. Aber auch die Waldbrände, mit denen sich die Iberische Halbinsel in regelmäßigen Abständen herumschlagen muss, können etwas mit dem Korkschmecker zu tun haben. Denn hier entstehen ähnliche chemische Verbindungen.

Frisch geschälte Korkeiche in öder Landschaft
Korkschmecker kann tatsächlich bereits an der Korkeiche selbst entstehen.

Weitere Ursachen für TCA

Wobei man die Korkeiche an sich, beziehungsweise ihre Bewirtschaftung, nicht per se verteufeln sollte. Für einen Korkschmecker kommen nämlich noch zwei weitere Quellen in Frage. Zum einen ist da der Verschlusshersteller. Bis in die 1990er-Jahre hinein wurden Weinkorken mit Chlor gebleicht. Damit lud man TCA quasi als Ehrengast zu sich ein. Das Erstaunliche allerdings: selbst, als die Verschlussindustrie anfing, mit Wasserstoffperoxid zu bleichen, ging die Zahl der fehlerhaften Korken nicht zurück. Das änderte sich erst, als weitere Hightech-Verfahren sowie Verschlussalternativen wie der Kunstkorken, Glasstöpsel oder der Schraubverschluss auf den Markt kamen.

Buhen Sie jetzt aber bitte nicht ausschließlich die Industrie aus. Denn zum anderen kann auch beim Winzer selbst ein Korkschmecker entstehen. Hier heißt das Schuldwort Holzschutzmittel. Womit wir jetzt von TCA zu TeCA (Tetrachloranisol) wechseln. Ein Buchstabe mehr - identische Wirkung. Hier gehen Naturkorken und Holzschutzmittel, in dem Pentachlorphenol (PCP) enthalten ist, eine Verbindung ein, der dann den Fehlton im Wein zu verantworten hat. Und das kann sehr schnell gehen. Wenn in der Lagerhalle gerade die Regale frisch mit Holzschutzmittel behandelt wurden, eine Charge mit Naturkorken daneben liegt und der Raum nur unzureichend belüftet ist, zack! Korkschmecker! Wenn sich TCA oder eben auch TeCA erst einmal gebildet hat, können übrigens auch andere Verschlussarten damit verseucht werden. Zum Beispiel wenn TCA-Korken auf einer Palette lagen auf denen dann wiederum Schraubverschlüsse kurz zwischenlagern, kann es diese auch erwischen. Wobei das tatsächlich nur sehr, sehr selten vorkommt. Möglich ist es aber.

Korkenzieher, der über mehreren Weinkorken liegt
Ob einer dieser Korken mit TCA verseucht ist?

Was man gegen Korkschmecker machen kann

Ist TCA erst einmal im Korken drin, stellt sich nicht die Frage, ob der Wein fehlerhaft ist, sondern wie sehr. Ab diesem Zeitpunkt hat der Wein keine Chance mehr. Da kann der Weinhändler ebenso wenig etwas machen wie das Restaurant oder Sie selbst in Ihrem privaten Weinkeller. Drin ist eben drin. Aber bekommt man nach dem Öffnen der Weinflasche den Fehlton vielleicht doch noch irgendwie raus? Einige Weinliebhaber schwören da ja auf die Cellophan-Methode: dekantieren Sie den fehlerhaften Wein in eine Karaffe, geben Sie ein großzügiges Stück Frischhaltefolie hinein - und warten Sie eine halbe Stunde. Auch hier sind dann chemische Verbindungen am Werk, die dem Wein das TCA wieder entziehen können. Theoretisch. In der Praxis hat aus unserer Redaktion noch niemand einen Wein mit dieser Methode retten können. Leider.

Genießen kann man einen Wein, der einen Korkschmecker hat, also in der Regel nicht mehr. Aber man kann ihn essen. Denn TCA ist nicht thermostabil. Die chemische Verbindung verkocht ab einer Temperatur von 50 Grad Celsius. Wenn Sie demnächst also sowieso ein Schmorgericht aus Lamm oder Rind planen, dann geben Sie den fehlerhaften Wein einfach mit hinein. Wobei auch wir zugeben müssen, dass da die Hemmschwelle recht groß und das Vertrauen in die Chemie vergleichsweise klein ist. Sollte das bei Ihnen auch der Fall sein, bleibt nur noch der letzte Gang für den Wein. Nämlich zum Ausguss. So tragisch das auch sein mag.

Ausguss eines Spülbeckens in einer Detailaufnahme
Beim Korkschmecker hilft oft nur noch der Ausguss!

Ein Trostpflaster bei Korkschmecker

Schon klar, einen durch Korkton ruinierten Abend kann niemand wettmachen. Vor allem nicht, wenn man sich schon jahrelang auf den Genuss eines bestimmten Weins gefreut hat, der brav bei optimalen Bedingungen im Weinkeller vor sich hin reifte. Diesen Moment der absoluten Vorfreude und der dann folgenden bodenlosen und erschütternden Enttäuschung kann niemand ungeschehen machen. Da ist es auch nur bedingt ein Trost, dass dank Korkeichenpflege, Hightech-Verfahren beim Verschlusshersteller und penibler Hygiene auf dem Weingut die Korkschmecker immer seltener werden.

Und trotzdem gibt es ein kleines Trostpflaster. Denn wenn Sie mal einen Korkschmecker bei einem der Weine haben sollten, die aus unserem Sortiment stammen, dann wenden Sie sich ganz einfach an unseren Kundenservice. Wir helfen Ihnen schnell und kulant, damit Sie Ersatz erhalten. Sie müssen jetzt also nicht nur ausschließlich Weine mit anderen Verschlüssen als Naturkork zu kaufen, um auf Nummer sicher zu gehen. Wenn es um Korkschmecker, dem Erzfeind eines jeden Weinliebhabers geht, lassen wir Sie nicht alleine!

Nicole Korzonnek

Von Nicole Korzonnek

Früher vor allem im Kulturjournalismus zuhause, begeistert sich Nicole Korzonnek nicht erst seit dem obligatorischen Pausen-Sekt im Theaterfoyer für Wein. Neben Theaterkritiken für die FAZ und Artikel für diverse Kulturformate brachte sie ihr journalistischer Weg über die Jahre immer mehr in Richtung Wein. Ob nun mit einem eigenen Blog oder eben als Copywriterin & Chief Editor Wine Magazine bei Wine in Black, wo sie die Geschichten hinter den Weinen entdeckt und dann auch begeisternd erzählt.

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1 Anwort auf „Korkschmecker – Erzfeind des Weinliebhabers“

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