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Malbec: Eine französisch-argentinische Rebsorten-Affäre

Ihren Ursprung mag die rote Rebsorte Malbec im Südwesten Frankreichs haben, aber groß rausgekommen ist sie in Argentinien. Dort ist sie inzwischen ein Megastar. Schauen wir uns die erstaunliche Malbec-Karriere mal genauer an.

Die zerklüfteten Berge mit ihren dichten Wäldern, zwischen denen die Orte wie in den blanken Stein gemeißelt zu sein scheinen, prägen die Landschaft von Quercy. Die ehemalige Provinz im Südwesten Frankreichs liegt genau zwischen Bordeaux und Cahors. Warum das wichtig ist? Weil Quercy die Heimat der Rebsorte Malbec ist. Sie entstand dort als natürliche Kreuzung zwischen den beiden inzwischen so gut wie ausgestorbenen roten Trauben Magdeleine Noire des Charentes und Prunelart. Und die wiederum wurden ab dem Jahr 150 von den Römern mitgebracht. Damit kann Malbec auf eine beeindruckend lange Geschichte zurückblicken. Diese nahm aber erst im 18. Jahrhundert so richtig Fahrt auf, als sie sich von Quercy aus in zwei Richtungen verbreitete. Nämlich gen Bordeaux und Cahors.

Wobei es vielleicht ein wenig ungenau ist, die Rebsorte konsequent Malbec zu nennen. Das ist zwar ihr populärster Name, aber sie trägt noch viele weitere! Am gängigsten ist Côt, wie sie heute noch im Loire-Tal heißt. Kurios mutet hingegen die Cahors-Bezeichnung an: Auxerrois. Genau. Wie die weiße Rebsorte, die im Elsass wahre Glanzleistungen vollbringt. Es gibt aber noch hunderte weitere Namen. Meistens liegt so etwas ja an lokalen Eigenheiten: was man nicht kennt, wird einfach irgendwie genannt, sodass es zur Region passt. Im Fall von Malbec verhält sich das jedoch anders. Sie wurde nämlich meistens nach den Menschen benannt, die für ihre Verbreitung verantwortlich waren. Da kamen im Laufe der Jahrhunderte halt einige Titel zusammen, die inzwischen aber kaum mehr gebräuchlich sind. Weswegen wir den linguistischen Ausflug mal beenden und uns gen Bordeaux und Cahors wenden. Immerhin kann man von beiden Regionen als Doppelheimat der Malbec-Rebsorte sprechen.

Weingarten mit einem Steinschild, auf dem Malbec steht
Die Heimat der Rebsorte Malbec liegt im Südwesten Fankreichs.

Malbecs Schattendasein im Bordeaux

Man mag es kaum glauben, weil Malbec im Bordelais kaum noch eine Rolle spielt. Aber früher war die Rebsorte für Bordeaux-Blends tatsächlich sehr wichtig. Vor allem in den Appellationen Médoc und Saint-Émilion. Denn Malbec bringt dank der dicken Beerenschale eine schöne dunkelrote Farbe in die Cuvée. Und aus dem selben Grund auch ordentlich Tannine. Nur leider ist die Rebsorte im Anbau ein wenig schwierig. Zum einen ist sie recht anfällig für viele unterschiedliche Krankheiten. Vom Falschen bis hin zum Echten Mehltau ist da quasi alles dabei. Zum anderen verrieselt sie auch noch leicht. Sprich: wenn während der Blütezeit Regen auf die Knospen trifft, dann fallen diese einfach ab. Im Bordeaux regnet es im Frühling recht häufig.

Das eigentliche K.o-Kriterium, warum man im Bordelais Malbec nur noch selten antrifft, ist aber noch ein anderer. Die Rebsorte treibt nämlich früh aus - und ist dementsprechend frostgefährdet. Frost im frühen Frühjahr ist in der Region aber leider relativ normal. Und manchmal sogar sehr extrem. Wie zum Beispiel im Jahr 1856. Damals raffte es fast den gesamten Malbec-Bestand dahin. Gut eine Dekade später minimierte dann die Reblaus die übrig gebliebenen Bestände. Nachgepflanzt wurde Malbec indes nicht. Man ersetzte die Rebsorte einfach durch die rote Merlot. Zwar ist auch diese im Anbau eine Mimose, hat aber etwas, das man bei der Malbec nur marginal findet: eine schöne Fruchtigkeit und samtige Gerbstoffe. Damit ist jetzt klar, warum Malbec im Bordeaux kaum noch eine Rolle spielt.

Weingarten im Boderlaiser Saint-Émilion in Frankreich
In Saint-Émilion spielt Malbec kaum noch eine Rolle.

Cahors: Französische Malbec-Hochburg

Wenden wir uns also der anderen Heimat von Malbec zu. Cahors. Hier sieht es schon etwas besser für die Rebsorte aus. Nicht nur, weil es einen kleinen Tick wärmer als im Bordelais ist. Sondern vor allem, weil die Reben an steilen Hängen oder auf einem Kalk-Plateau am Fluss Lot gedeihen. Durch den Einfluss des Gewässers friert es hier nicht ganz so schnell. Zum anderen werden die steilen Lagen mit reichlich Sonne verwöhnt, was noch einmal zusätzlich für Wärme sorgt. Für Malbec sind das ideale Bedingungen, um auszureifen. Anders als im Bordeaux, wo die Rebsorte in den Blends eine eher untergeordnete Rolle spielt (wenn denn überhaupt eine), ist sie in den Cahors-Cuvées mindestens zu 70 Prozent vertreten. Immerhin!

Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts sah das aber ganz anders aus. Da leckte man sich in ganz Frankreich und weit über die Landesgrenzen hinaus die Finger nach dem legendären "Schwarzen Wein" aus dem Cahors. Auch dieser bestand hauptsächlich aus Malbec. Klar, der schwarzroten Farbe der Trauben verdankte der Wein schließlich seinen Namen. Obwohl Malbec eigentlich nicht besonders fruchtig ist und wenn, dann nur ein paar Aromen von roten Pflaumen, dunklen Zwetschgen, Brombeeren und Heidelbeeren hat, bestach der "Schwarze Wein" mit einer opulenten Frucht. Schuld daran war eine besondere Bereitungsmethode.

Ab in den Ofen!

Die Trauben wurden vor der Gärung nämlich im Ofen getrocknet. Alternativ konnte man den Most auch einfach einkochen, bevor man ihn fermentierte. Da wurde schon also ordentlich was für den extra Aromen-Bums getan. Und damit die Tannine nicht zu sehr in den Vordergrund rückten, baute man den "Schwarzen Wein" einfach besonders lange in Holzfässern aus, damit sich die Gerbstoffe abmildern. Teilweise bis zu zehn Jahre lang! Dass man diesen "Schwarzen Wein" heutzutage kaum noch noch kennt, ist mal wieder der Reblaus zu verdanken, die natürlich auch im Cahors die Rebflächen vernichtete.

Kleine Stadt am Fluss Lot in Quercy
Im Cahors gedeiht Malbec vor allem auf einem Kalk-Plateau.

Malbec wurde auch hier zunächst durch andere Rebsorten wie Merlot ersetzt. Seit ein paar Jahren erlebt Malbec im Cahors aber zum Glück eine Renaissance. Immer mehr Winzer besinnen sich auf die Traube, die Weine mit einem faszinierend langen Lagerpotenzial von zehn oder mehr Jahren hervorbringt, zurück. Deswegen findet man hier wieder knapp 6.000 Hektar, die mit der Rebsorte bestockt sind. So viel, wie nirgends sonst in Frankreich.

Vom Mauerblümchen zum Superstar

Wobei diese französischen 6.000 Hektar fast schon wie ein Witz anmuten, wenn man sich die Rebflächen eines anderen Landes anschaut. Argentinien. Die Karriere, die Malbec hier hingelegt hat, beeindruckt schon durch blanke Zahlen. 1990 kam die Rebsorte hier auf 10.000 Hektar - 2005 waren es bereits 22.000 Hektar. Das allein ist schon ein gigantischer Zuwachs! Aber es ging noch weiter! 2015 zählte man 40.000 Hektar. Heute sind es 44.000 Hektar. Tendenz weiter steigend. Da kann man schon von einem echten Superstar reden. Dabei fing im Jahr 1853 alles eigentlich ganz harmlos an. Damals wollte man sich in Argentinien in Sachen Weinbau an Frankreich orientieren. Deswegen gründete der Staat die Weinbauschule Quinta Normal Agronómica de Mendoza nach französischem Vorbild. Die Dozenten kamen - logisch bei dem Vorhaben - aus der Grande Nation. Und genau die brachten die Rebsorte Malbec mit.

Zugegeben, damals erkannte noch niemand das Potenzial. Malbec war eine unter vielen Rebsorten, die überall gepflanzt wurden. Mit mäßigem Erfolg. Man kannte einfach noch nicht das genaue Zusammenspiel von Terroir, Klima und Rebsorte. Das änderte sich tatsächlich erst, als die Winzer in den 1990er-Jahren anfingen, in schwindelerregenden Höhen von bis zu 1.000 Metern Weingärten anzulegen. Warme Tage und kalte (aber nicht zu kalte) Nächte lassen die Trauben langsam reifen. Nicht zu vergessen, dass die Sonne so hoch oben besonders intensiv scheint. Für Malbec ist das ein Glücksfall! Anders als in Frankreich, wo sie selbst im Cahors nur mit Mühe reif wird, kann sie hier in Ruhe vollreif werden. Dadurch bekommt sie nicht nur ihre tiefdunkle Farbe und ihre vielen Gerbstoffe, sondern kann unter der dicken Schale auch plötzlich intensive Fruchtnoten von süßen Pflaumen, Himbeeren, Kirschen und Brombeeren entwickeln.

Unterschiedliche Stilistiken aus Argentinien

Genau diese neu entdeckte Fruchtigkeit hob man in den 1990er- und 2000er-Jahren gezielt hervor, indem man Malbec fast ausschließlich im Edelstahltank ausbaute. Denn so bewahrte man die Frische der Frucht. Dadurch waren die Weine nicht nur besonders charmant und kamen mit wenig Tanninen daher, sondern waren auch noch jung zu genießen. Und genau das traf den Geschmack von vielen Menschen auf der Welt. Hier liegt also der Grund für den Malbec-Siegeszug verborgen. Als harmloses Trinkvergnügen waren die Weine sehr schnell enorm gefragt. Das wiederum hatte zur Folge, dass immer mehr Weinbauern in Argentinien Malbec anbauten. Allerdings wollten einige Winzer mehr. Nämlich nicht nur Lieblinge für die Massen produzieren, sondern herausfinden, zu welchen Geschmacksleistungen die Rebsorte noch so fähig ist.

Dafür ging man noch weiter in die Höhe. Und zwar im Valle de Uco in Mendoza. Dieses Mal auf über 1.000 Meter Höhe. Die Ergebnisse waren phänomenal. Zu den Fruchtaromen gesellten sich dank der Böden aus Sand, Lehm, Ton und Vulkangestein auch noch mineralische Noten. Hinzu kam, dass sich Star-Önologen wie Michel Rolland, der die legendären 100 Parker-Punkte für seine Weine gepachtet zu haben schien, der Rebsorte annahmen. Die ersten Malbec aus Einzellagen kamen auf den Markt. Und die hatten Holz gesehen! Ob nun Barrique oder großes Eichenfass. In Argentinien experimentierte man mit den verschiedenen Ausbaumöglichkeiten und verhalf der Traube so zu immer wieder neuen Stilistiken.

Aus dem Massenwein wurden so hochkomplexe Kreszenzen, die bis heute nicht nur durch Frucht glänzen, sondern auch mit einer dichten und tiefgründigen Struktur. Und dank des Holzeinsatzes findet man nun auch Anklänge von Mocca, süßem Tabak oder Leder in den Weinen. Inzwischen reifen einige Malbec zudem in Betoneiern oder Zementtanks, wodurch sie noch ein klein wenig filigraner werden und eine wundervoll kühle Charakteristik entwickeln.

Weingärten am Fuße der Anden in Malbec, Argentinien
In Argentinien trat die Rebsorte ihren Siegeszug an.

Malbec in der Welt und im Genussalltag

Angestachelt durch den Erfolg in Argentinien versuchten natürlich auch andere Länder, Malbec in ihren Weingärten groß zu machen. Es stellte sich aber heraus, dass die argentinischen Bedingungen tatsächlich einmalig sind. Manche Dinge lassen sich halt nicht übertragen. Das ist in der Champagne mit ihrem Champagner so - und eben auch in Argentinien, wenn es um Malbec geht. Selbst im Nachbarland Chile, wo die Weinbaubedingungen doch recht ähnlich sind, erreicht die Rebsorte nicht die Strahlkraft wie im Valle de Uco. So kommt Chile gerade einmal auf 6.000 Hektar Malbec - und damit auf den dritten Platz hinter Frankreich. Von anderen Ländern mögen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden. Die Malbec-Flächen sind einfach verschwindend klein. Und an die gigantische Größe in Argentinien kommt eh niemand heran.

Deswegen lohnt es sich hier auch, genauer hinzuschauen. Verkosten Sie doch mal einen Malbec aus den Höhenlagen des Valle de Uco mit einem aus den Tälern in Mendoza. Oder einen, der im Holz ausgebaut wurde und einen, der in Zement oder Beton reifte. Oder wie wäre es mit dem Klassiker Neue versus Alte Welt? Also einen Malbec aus dem Cahors und einen aus Argentinien? Die Unterschiede dürften selbst den gewieftesten Kenner überraschen! Noch ein kleiner Tipp: Malbec hat meist einen hohen Alkoholgehalt. Gönnen Sie sich vorab also ruhig etwas zu essen. Oder dazu. Denn Malbec ist gerade bei geschmorten oder gegrillten Fleischgerichten aus Rind oder Lamm ein echter Hochgenuss. Ob nun mit oder ohne Speisenbegleitung: wir wünschen Ihnen eine spannende und genussreiche Welt des Malbec.

Nicole Korzonnek

Von Nicole Korzonnek

Früher vor allem im Kulturjournalismus zuhause, begeistert sich Nicole Korzonnek nicht erst seit dem obligatorischen Pausen-Sekt im Theaterfoyer für Wein. Neben Theaterkritiken für die FAZ und Artikel für diverse Kulturformate brachte sie ihr journalistischer Weg über die Jahre immer mehr in Richtung Wein. Ob nun mit einem eigenen Blog oder eben als Copywriterin & Chief Editor Wine Magazine bei Wine in Black, wo sie die Geschichten hinter den Weinen entdeckt und dann auch begeisternd erzählt.

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