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Martinborough: Cool Climate-Region mit Star-Pinot Noir

Im kühlen Klima wird im neuseeländischen Martinborough Wein angebaut. Hier entstehen aus Pinot Noir Spitzen-Gewächse, die es zu entdecken gilt! Nebenbei erfahren Sie, was Pinot Noir hier mit einem Zollbeamten zu schaffen hat.

Martinborough ist in Europa deutlich weniger bekannt als die ähnlich klingende Weinregion Marlborough. Dabei sind beide nur einen - zugegeben sehr großen - Steinwurf über die Cookstraße voneinander entfernt. Die Cookstraße ist die Meeresenge, die Martinborough auf Neuseelands Nordinsel von Marlborough auf der Südinsel trennt. Und auch was die Wein-Qualität angeht, ist man ganz nah beieinander. Hatte man einmal einen der Weine aus Martinborough im Glas, fragt man sich verwundert, warum diese nicht bekannter sind. Denn die Winzer machen in dem kleinen Anbaugebiet in kühlem Klima vor allem verdammt gute Weine, die durch Frische und Würze überzeugen.

Lobeshymnen internationaler Weinkritiker und Bewertungen im hohen 90-Punkte-Bereich gehören mittlerweile zum Standard. Ganz vorn dabei sind Weine aus Pinot Noir, Neuseelands roter Rebsorte Nummer Eins. Auch, weil die Weingüter fast durch die Bank weg kleine und passionierte Familienunternehmen sind, die das besondere Klima und die Böden perfekt zu nutzen wissen. Viele Winzer sehen hier sogar Parallelen zum renommierten französischen Burgund! Ob man das jetzt unterschreibt oder nicht, zumindest einige Wurzeln der Pinot Noir-Rebstöcke reichen aufgrund eines Zufalls sogar dahin zurück. 

Pinot Noir-Trauben in zwei Händen
Kommen zum Teil von weit her: Pinot Noir-Trauben in Martinborough. © Yealands Estate

Pinot Noir-Klon Abel

Der Zufall war ein Zollbeamter. Winzer Malcolm Abel war auf ein zweites Einkommen als Beamter am Flughafen von Auckland angewiesen. Und dort fasste er Mitte der 1970er-Jahre einen Rebenschmuggler. Das Protokoll sah vor, den Steckling zu verbrennen. Abel aber erfuhr vom Schmuggelnden, dass es sich dabei um Pinot Noir von der berühmten Domaine de la Romanée-Conti handelte. Bestes Burgund also. Abel handelte: er packte den Steckling in Quarantäne und vermehrte ihn anschließend für sein eigenes Weingut. Und dort unterstützte ihn 1982 sein Winzerfreund Clive Paton aus Martinborough für eine Ernte. Klar, dass Abel ihm anschließend etwas von seinem Pinot Noir-Klon mitgab. Der übrigens nach Abel benannt ist.

Paton wiederum fuhr zurück zu seinem eigenen Weingut Ata Rangi. Und setzte 20.000 Kilometer entfernt vom burgundischen Dijon also Rebstöcke in die Erde, die mit denen von einem der berühmtesten Weingüter weltweit verwandt waren. Ganz in seiner Nähe setzten vier weitere Pioniere (Chifney, Dry River, Martinborough Vineyard und Te Kairanga) Reben in die Kiesböden. Da einige der Gründer zuvor Winzer in Frankreich und Deutschland besucht hatten, pflanzten sie neben Pinot Noir auch Sauvignon Blanc, Riesling, Chardonnay, Gewürztraminer und Syrah. Sorten, die in kühlem Klima gedeihen, wenn sie ausreichend Sonne tanken können. Und das können sie.

Weingut in Martinborough im Abendlicht
Viel Sonnenschein macht auch im kühlen Südosten von Neuseelands Nordinsel Weinbau möglich. © Escarpment Estate

Kühles Klima in Martinborough

Lange vorm Weinbau in Martinborough war man Ende des 18. Jahrhunderts fest davon überzeugt, dass sich das Klima vor allem für Schafe eignete. Die wenigen Reben, die man pflanzte, waren für den Eigenbedarf und kommerziell nicht der Rede wert. Das änderte sich erst um das Jahr 1980, als sich eben die Pionier-Weingüter wie Ata Rangi hier niederließen. Martinborough ist eine gute Stunde Autofahrt nordwestlich von Neuseelands Hauptstadt Wellington entfernt, inklusive einer spektakulären Überquerung der Remutaka-Berge. Auf dieser Seite der Berge gab zu jener Zeit kaum einer auch nur einen Pfifferling auf den Weinbau. Denn Wairarapa, die Gegend, zu der Martinborough gehört, galt schlicht als zu kalt für den Weinbau. 

Die durchschnittliche Temperatur im neuseeländischen Sommermonat Februar liegt bei 18,4 Grad. In den damals besten Anbaugebieten Neuseelands, Auckland und Hawke’s Bay, ist es im Durchschnitt ein Grad wärmer. So warm, dass in Hawke’s Bay sogar die wärmeliebenden Sorten Cabernet Sauvignon und Merlot gut gedeihen. Ein Grund für die kühleren Temperaturen in Martinborough ist zum einen die Lage. Denn es liegt südlicher als die anderen beiden anderen Regionen. Dadurch ist es per se kälter, da wir uns auf der Südhalbkugel befinden. Zudem ist die Gegend um Martinborough im Südosten flach und damit ein Einfallstor für die kalten Winde aus der Antarktis. Und diese pfeifen eben beständig über die Ebenen und Hügel. Von ein paar unternehmungslustigen Winzern abgesehen, befürchtete man, die Trauben könnten gar nicht voll ausreifen. 

Martinborough auf einer Karte von Wine in Black
Hier liegt die Weinregion Martinborough. © Wine in Black

Aromatik im Namen von Wind und Sonne

Was die Zweifler damals nicht ahnten: genau dieser Wind sorgt dafür, dass die Weine aus Martinborough so einzigartig aromatisch sind, wie wir sie heute kennen. Sie sorgen nämlich für eine natürliche Ertragsbegrenzung. Vor allem die Frühlingswinde haben etliche der zarten Blüten auf dem Gewissen. Dafür bilden dann aber die verbleibenden Blüten umso intensiver schmeckende Trauben aus.

Außerdem gibt es einen einzigartigen Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht. Denn die Region gehört zu den sonnenreichsten Gebieten in ganz Neuseeland. So verhindert der kühlende Wind, dass die Trauben zu schnell reifen. In Verbindung mit einem langen und trockenen Herbst haben die Trauben viel Zeit, um langsam und gut auszureifen. Sie bilden komplexe Fruchtaromen aus bei einem hohen Gehalt an Weinsäure. Der lange, trockene Herbst macht es sogar möglich, dass aus den Sorten Riesling und Gewürztraminer Süßweine gekeltert werden. Eine Besonderheit, die nur in wenigen Weinregionen weltweit gelingt. Neben Klima und hochwertigem Pinot Noir-Klon spielen natürlich auch die Böden eine wichtige Rolle. Und die ließen so manchen Winzer ans Burgund denken.

Burgunder Böden? 

Als Clive Paton in Martinborough seine Milchkühe gegen eine steinige Schafskoppel eintauschte, amüsierten sich die anderen Landwirte zunächst. Was sie nicht wussten: Paton kannte eine Studie, die kurz vorher den Boden untersucht hatte. Und der hatte es in sich. Denn die Forschungen Ende der 1970er hatten ergeben, dass es um den Ort Martinborough Schwemmlandböden auf kiesigen Untergrund gab, der bis zu 15 Meter in die Tiefe reicht. Die galten für alle anderen Landwirte als unbrauchbar, weil karg. Paton aber erinnerten sie ans Burgund. Und so war er überzeugt davon, dass Martinborough auch Weltklasse-Wein hervorbringen könne. 

Nun mag man diesen Vergleich kritisch sehen. Immerhin ist der Burgunder Boden so vielfältig, dass sich zu fast allen Böden weltweit Parallelen finden lassen, wenn man nur analytisch genug in der Erdkruste gräbt. Aber dennoch ist Martinborough sehr gut für Weinbau geeignet. Denn die Kiesböden bieten einen guten Wasserabzug. Und wenn das irgendwo in der Weinwelt wichtig ist, dann im regenreichen Neuseeland. Zwar ist Martinborough für Neuseelands Verhältnisse sehr trocken. Es regnet nur 800 Millimeter im Jahr, wohingegen das nördlich gelegenen Auckland mit knapp 1.300 Millimetern jährlich gesegnet ist. Trocken ist allerdings relativ, denn man ist in Martinborough regentechnisch ungefähr gleichauf mit dem schottischen Edinburgh.

Schnell trocknende Böden sind also auch im trockensten Teil Neuseelands von Vorteil, um Fäule im Rebstock zu vermeiden. Mit Burgund in Gedanken taufte Paton sein Weingut auf den Namen Ata Rangi, was auf Maori "Neuanfang" heißt. Und genau das waren die neuen Weingüter dann auch für die Region. 

Kleiner Austrieb an einer Rebe in Nahaufnahme
Neue Reben, neues Leben: Mit den Weingütern kommt wieder Schwung ins verschlafene Martinborough. © Escarpment Estate

Neuanfang in Martinborough

Denn Ende der 1970er-Jahre glich Martinborough eher einer Geisterstadt: Abstürzende Preise für Wolle und weniger staatliche Subventionen hatten dazu geführt, dass viele der Einwohner ihr ökonomisches Glück nun woanders suchten. Knapp ein halbes Jahrhundert später lebt die Stadt heute vom Weintourismus. Vor allem an Wochenenden zieht es wohlhabende Wellingtoner in die Weingüter, preisgekrönte Restaurants und Designerläden. Man sagt, dass einige der historischen Gebäude aus anderen Orten nach Martinborough verlegt wurden, um das Weinstadt-Feeling perfekt zu machen.

Diese Turboentwicklung lässt sich auch an der Anzahl der Weingüter ablesen. Aus dem Fünfer-Gestirn Chifney, Dry River, Martinborough Vineyard, Te Kairanga und Ata Rangi sind heute über 40 Weingüter geworden, die zum Verband der neuseeländischen Weingüter gehören. Hinzu kommen etwa sechzig weitere Weinbauern und Weingüter, die nicht im Verband sind.

Aber egal ob unter dem offiziellen Label der neuseeländischen Weingüter oder nicht - fast alle klein sind klein und familiengeführt. Die meisten bewirtschaften weniger als fünf Hektar Fläche. Zusammen mit den nördlich angrenzenden Weinregionen Gladstone und Masterton kommt man gemeinsam auf etwas über 1.000 Hektar. Was lediglich drei Prozent der neuseeländischen Rebflächen entspricht. Schaut man sich die Menge an produziertem Wein an, wird es sogar noch überschaubarer. 

Probe wird aus einem Weinfass entnommen
Klein, aber fein - so lässt sich Weinszene in Martinborough beschreiben. Handarbeit gehört bei vielen Winzern zum Programm. © New Zealand Wine

Superstars Pinot Noir und Co.

Aus diesen drei Prozent Rebflächen entsteht nämlich nur ein Prozent des neuseeländischen Weins. Gering ist der Ertrag nicht nur, weil der Wind eben im Frühling Blüten von den frischen Trieben holt. Er hängt auch damit zusammen, dass die familiengeführten Weingüter auf hochwertige Weine setzen. Und dafür kommen eben nur die besten Trauben in Frage, was man eben auch im Wein schmeckt. Schauen wir noch einmal zu Ata Rangi, über das Weinkritikerin Lisa Perotti-Brown im Dienst von Robert Parker’s Wine Advocat schreibt: "... das langjährige, engagierte Team hinter Ata Rangi wird immer stärker. Ihre Pinots waren schon immer großartig." Auch in Neuseeland selbst ist man stolz auf deren hohe Qualität. So zeichnete man bei einer internationalen Veranstaltung zu Ehren der Rebsorte 2010 Ata Rangis Rebflächen als eine der raren Grand Cru-Lagen aus. 

Neben Pinot Noir, der knapp die Hälfte der Rebflächen in Wairarapa belegt, darf natürlich Sauvignon Blanc nicht fehlen. Ganz einfach, weil wir in Neuseeland sind und weil das Klima eben sehr ähnlich zu Marlborough ist, aus der der berühmteste Kiwi-Sauvignon Blanc kommt. Wie dort bestechen die Sauvignon Blanc aus Martinborough durch tropische und grasige Noten und eine belebende Portion Weinsäure. Im Vergleich zu den südlichen Verwandten zeigen sie sich jedoch etwas zurückhaltender. Statt Super-Tropen-Power gibt es in Martinborough etwas elegante Mineralität am Gaumen. Ein kleines bisschen wie in Frankreichs Sauvignon Blanc-Region Sancerre. In Martinborough ist ein Drittel der Flächen mit ihr bepflanzt. 

Und auch wenn die anderen Sorten wie Pinot Gris, Riesling, Chardonnay und Syrah nur einen kleinen Teil ausmachen, erweitern sie das Portfolio um einzigartige Weine und zeigen, wie faszinierend die Weinwelt im kleinen Martinborough ist. Das meiste davon wird leider in Neuseeland selbst getrunken. Aber wir versprechen Ihnen: Sich mit Sauvignon Blanc und Pinot Noir der Region anzunähern, ist ein äußerst genussvolles kulinarisches Unterfangen!

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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