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Duero-Tal Spanien

Ribera del Duero: Weinregion der Extreme

Mit kraftvollen Rotweinen ist das spanische Weinbaugebiet Ribera del Duero längst aus dem Schatten der Rioja herausgetreten. Gewächse aus der Ribera gehören heute zu den teuersten und besten Weinen des Landes!

Marie Ohl Von Marie Ohl

  | 25. Oktober 2021

Wenig andere Weinregionen in Spanien haben einen derart kometenhaften Aufstieg hingelegt wie die Ribera del Duero. Erst 1982 erhielt sie nämlich den offiziellen D.O.-Status (Denominación de Origen), der ihren Weinen die Herkunft garantierte. Da gab es hier entlang des Flusses Duero im spanischen Norden gerade mal eine Handvoll an Bodegas. Nur wenige verrückte Winzer wagten sich überhaupt in das Gebiet, dessen Klima so viel extremer ist als in der Rioja: Die kontinental geprägten Sommer sind heißer und die Winter unerbittlicher und länger. Zudem macht ein jährlicher Niederschlag von nur 400 bis 500 Millimeter Weinbau auf den kargen Böden recht riskant. Noch weniger und man müsste künstlich bewässern. Die Rioja kommt immerhin auf bis zu 700 Millimeter.

Da wundert es nicht, dass die Rioja in Sachen spanischer Wein den Ton angab. Ihre feingereiften Gran-Reserva-Klassiker überstrahlten alles andere. Niemand hätte damals gedacht, dass die Weine aus einem derart kargen und unbekannten Gebiet wie der Ribera del Duero aus ihrem Schatten heraustreten würde. Genau das taten sie. Heute gehören die Gewächse des früheren Underdogs zu den legendärsten und teuersten Weinen Spaniens überhaupt. Hohe dreistellige Summen für Einzelflaschen sind keine Seltenheit, und die Kreszenzen räumen international Auszeichnungen ab. Da fragt man sich, wie es eigentlich zu diesem sensationellen Aufstieg kommen konnte. 

Weinkeller mit Holzfässern
Feingereiftes aus Spanien gab es lange nur in der Rioja. Doch die Ribera del Duero holte bald auf!

Die Geburt einer Legende: Vega Sicilia

Als Don Eloy Lecanda y Chaves 1864 sein Weingut in der heutigen Ribera del Duero gründete, war er ziemlich allein auf weiter Flur. Entlang des Duero ließen zwar einige ehemalige Weinkeller in Klöstern erahnen, dass hier früher Weinbau betrieben wurde. Aber als der Don zwischen Zuckerrüben und Getreidefeldern seine ersten Reben in den Boden setzte, wunderten sich die Nachbarn. Noch dazu, weil er es mit großem Getöse tat. 

Rotwein wird aus einer Weinflasche in ein Weinglas eingegossen

Als vinophiler Visionär importierte er 18.000 Setzlinge aus dem Bordeaux, darunter auch die rote Rebsorte Cabernet Sauvignon. Diese vermählte er mit der roten Tempranillo - Spaniens Starrebe Nummer eins. Genau die brillierte bis dahin nur in der Rioja. Dort allerdings im Verschnitt mit einheimischen roten Reben, die man im amerikanischen Barrique-Fass ausbaute. Der Blend von Don Eloy hingegen reifte im französischen Barrique - all das war neu, die Weine kraftvoll, mit opulenter Pflaumen- und Brombeerfrucht und dennoch elegant. Damit hatte er den Grundstein für eine Ikone gelegt: Vega Sicilia, das bald als eines der berühmtesten spanischen Häuser galt und die Winzer der Rioja herausforderte.

Seit den 1920er-Jahren erhielten die Gewächse regelmäßig internationale Auszeichnungen und wurden heißbegehrte Sammlerstücke. Auch, weil Vega Sicilia etwas besonders Exklusives machte. Man konnte die edlen Kreszenzen nämlich nur über einen Platz auf einer Liste erwerben. Dort standen die spanische Königsfamilie und Adlige, Plätze wurden von Generation zu Generation vererbt. Klar, dass jeder diese Legenden haben wollte! Und dennoch blieb Vega Sicilia bis in die 1970er-Jahre ein Einzelgänger im Duero-Tal. Man hielt die Bedingungen vor Ort weiterhin für rebenfeindlich und Vega Sicilia für die Ausnahme von der Regel. 

Karte von der Ribera del Duero in Spanien
Hier befindet sich die Weinregion Ribera del Duero. © Wine in Black

Terroir extrem: Neun Monate Winter, drei Monate Hölle

Ribera del Duero liegt etwa 200 Kilometer südlich von der Rioja. Das Klima ist kontinental, es gibt keinerlei Meeresbrisen, die für Kühlung sorgen könnten. Heiße und kurze Sommer folgen auf kalte und lange Winter. Im Sommer sind über 40 Grad Celsius keine Seltenheit, während das Thermometer im Winter auf bis zu -20 Grad Celsius fallen kann. Daher scherzen die Einheimischen, dass sie neun Monate Winter und drei Monate Hölle erleben. 

Verstärkt wird das Ganze durch die Lage auf dem Kastilischen Hochplateau. Was hier konkret 750 bis 1.100 Meter heißt! Damit befinden sich die Weinberge der Ribera del Duero sogar noch etwas höher als die in Chile, die am Fuße der Anden bis auf 1.000 Meter hochgehen. Wie dort kommt es in der Ribera zu einem großen Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. Bekommen die Reben mittags bei eben bis zu 40 Grad Celsius extreme Hitze ab, können sie nachts bei 15 Grad Celsius abkühlen. Zur Reifezeit im September kann es nachts sogar bereits klirrend kalt werden: Temperaturen um den Gefrierpunkt sind in den oberen Höhenlagen möglich. Dieser große Wechsel bringt in den Beeren eine besonders intensive Aromatik mit frischer Weinsäure hervor. Gar keine so schlechten Bedingungen also, um guten Wein zu machen. 

Startschuss für den neuen Weinbau in der Ribera del Duero

Genau das dachte sich in den 1970er-Jahren Alejandro Fernandéz. Der war seit seinem dreizehnten Lebensjahr als Landarbeiter mit den kalkreichen Böden vertraut. Als er später sein Geld als Vertreter für landwirtschaftliche Maschinen verdiente, lernte er das Terroir noch besser kennen.  Sein Faible für Wein ließ den Wunsch aufkommen, selbst ein Weingut zu besitzen. Er war überzeugt davon, dass das Terroir perfekt geeignet war für Tempranillo. Genau genommen handelt es sich bei den Reben in der Ribera del Duero um einen Klon, den Tinto Fino. Dieser hat kleinere Beeren und ist, wie man heute weiß, ideal an das karge Terroir angepasst. 

Als Alejandro Fernandéz 1972 Rebflächen erwarb, schüttelten erneut Nachbarn den Kopf. Zwar hatten sie von Vega Sicilia gehört, aber das war eben eine Ausnahme-Erscheinung. Für Normalsterbliche nicht zu kopieren. Zuckerrüben schienen ihnen ein viel verlässlicheres Einkommen zu liefern. Als er 1975 den ersten Jahrgang seinen reinsortigen Tinto Fino 'Pesquera' auf den Markt brachte, nickten die Nachbarn anerkennend. So einen Wein kannten sie nicht. Er war dicht, dunkel und voller Frucht. Eben anders als die hellroten Clarete - Rotweine aus Tempranillo, die mit einem Schuss der einheimischen weißen Albillo Mayor versehen wurden. Oder die süffigen pinkfarbene Rosé, die hier recht pragmatisch entstanden.

Denn dafür gossen Bauern für den Hausgebrauch schlicht Rot- und Weißwein zusammen. Der frühere Landarbeiter Fernandéz hatte nun gezeigt, dass auch einfache Winzer hier eigenständige Rotweine machen konnten. Das sprach sich langsam herum. Als der us-amerikanische Weinkritiker Robert Parker über die 1982er-Edition schrieb, sie könne der spanische 'Pétrus' werden, stand die Weinwelt Kopf. 

Die Ribera del Duero wächst

Vor allem in der altehrwürdigen Rioja fragte man sich konsterniert, wie ein Quereinsteiger das geschafft hatte. Noch dazu mit einem Klon von Tempranillo, der Hauptrebsorte in der Rioja! In einer Region, die 1982 gerade erst offiziell als Denominación klassifiziert worden war. War es lediglich Zufall, wie sich Neider diese Sensation erklärten? Viele Winzer waren davon überzeugt, dass es am besonderen Terroir lag. Genau das wollten sie entdecken und zündeten so einen regelrechten Turbo in der Ribera del Duero. Waren 1982 erst etwa 6.000 Hektar mit Reben bestockt, sind es heute viermal so viel. Die ein bis zwei Handvoll an Bodegas (je nach Quelle schwankt die Zahl zwischen neun und vierundzwanzig), die es damals gab, sind auf über 300 Weingüter angewachsen. 

Tempranillo-Trauben am Rebstock
Tempranillo-Trauben, die man hier aber Tinto Fino nennt.

Zu den Winzern, die in den 1990er-Jahren neu in das Gebiet kamen, gehörte der Däne Peter Sissek. Er kaufte einige Hektar mit über 60 Jahre alten Tinto-Fino-Reben. Auch er kreierte einen Wein, der zur Legende wurde. 1996 stellte Robert Parker dem ersten Jahrgang seines 'Pingus' von 1995 legendäre 100 Punkte in Aussicht. Mit der Lobeshymne: "... das dürfte der größte junge Rotwein aus Spanien sein, den ich je verkostet habe." Die Preise explodierten. Der erste Jahrgang war mit etwa 90 Euro für damalige Verhältnisse hoch kalkuliert. Heute würde man sich über ein derartiges Schnäppchen freuen. Denn einen 'Pingus' erhalten Sie erst ab 800 Euro aufwärts. Damit ist das dann einfach mal der teuerste Wein des Landes. 

Weine im Ribera-del-Duero-Stil

Sind die Ikonen 'Pingus' und 'Pesquera' reinsortige Gewächse, erlaubt die Denominación aber eine größere Vielfalt. Etwa die internationalen roten Rebsorten Cabernet Sauvignon und Merlot. Ganz einfach, weil der Pionier Vega Sicilia schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts beweist, dass man damit Kult-Weine erzeugen kann. Warum also sollte man an dieser Rezeptur etwas ändern? Erlaubt sind außerdem noch die roten Malbec und Garnacha. Der Star in den einzigartigen Rotweinen ist jedoch unangefochten Tinto Fino. Sie belegt eindrucksvolle 81 Prozent der gesamten Fläche in der 24.000 Hektar großen Region. In den Rotweinen muss sie zu mindestens 75 Prozent enthalten sein. 

Zwei Weingläser mit Rotwein vor schwarzem Hintergrund

Was alle Rotweine auszeichnet, ist neben der Intensität und Kraft auch eine lange Lagerfähigkeit. Wie in der Rioja gibt es die Reifestufen Reserva und Gran Reserva. Für letztere ist in beiden Regionen eine Reife von insgesamt mindestens fünf Jahren vorgeschrieben, davon mindestens zwei im Barrique-Fass. Einige Winzer in der Ribera del Duero gönnen ihren Gewächsen mehr Zeit. Am längsten Vega Sicilia, deren bester Wein erst nach zehn Jahren in den Handel kommt. Wenn Sie etwas zum Lagern suchen, sind Sie hier - und bei allen anderen Pendants entlang des Duero - also goldrichtig. Darüber hinaus gibt es die Ribera del Duero seit 2019 auch in weiß: die wärmeliebende Albillo Mayor ergibt fruchtige Gewächse, die nach gelber Pflaume und weißen Blüten duften. Für delikate, frische Rosado-Weine sind alle Rebsorten erlaubt. 

Aufstieg und Niedergang eines Superstars

Die Rioja wurde unruhig. Es war nicht zu leugnen: Gewächse aus der Ribera del Duero waren ihren Weinen ebenbürtig. Und dabei ganz und gar eigenständig. Man war aber auch neugierig. So ließ sich das berühmte Haus La Rioja Alta auch in der Ribera del Duero nieder. Ebenfalls wie andere Spitzenproduzenten. Spaniens größtes familiengeführtes Weingut Torres kam aus dem katalanischen Penedès. Selbst das Rhône-Haus M. Chapoutier konnte dem Ruf nicht widerstehen und erwarb hier Rebflächen.

Gegrillte Lammkeule mit einem Weinglas und Besteck
Ideale Begleiter der intensiven Gewächse: Lamm, Braten aller Art und herzhafte Eintöpfe.

Im Fahrwasser von diesen Top-Erzeugern ließen sich auch Unternehmer nieder, die vor allem von den möglichen Verkaufserlösen der Weine angelockt wurden. Sie pflanzten in den fruchtbaren Böden in der Ebene ertragsstarke Tempranillo-Klone und ernteten die Trauben vollreif. Für ein Maximum an Frucht. Ausgebaut wurden sie in neuen Eichenfässern für intensive Röstnoten. Kurzum, man drehte, wo man konnte, die Geschmacksregler auf volle Konzentration. Etwas jedoch fehlte. Die Eleganz, die Weine wie 'Pesquera' und 'Pingus' trotz aller Kraft hatten. Das Ergebnis waren stark eichenholzwürzige Kraftpakete, die meist überteuert waren. Einige Kritiker wandten sich von der Region ab. Die Ribera del Duero wurde Opfer ihres eigenen Erfolgs.  

Ribera del Duero reloaded

Einige Winzer wollen das inzwischen nicht mehr hinnehmen. Gezielt suchen sie wieder genau danach, wie man Kraft und Eleganz vereinen kann. Dazu loten sie das Terroir neu aus. Und gehen etwa in die allerhöchsten Lagen im Osten der Ribera del Duero. Dort befinden sich die Rebflächen auf bis zu 1.100 Meter, die Temperaturunterschiede sind dementsprechend extrem. Das verlangsamt die Reife der Tinto-Fino-Trauben und lässt frischere, aromatischere Weine entstehen. 

Zudem beschäftigen sich die Neuerer mit den verschiedenen Bodentypen. Denn obwohl die gesamte Ribera del Duero von Kalk geprägt ist, schwankt der Anteil je nach genauem Standort. Mit Trauben aus einzelnen Lagen untersucht man, wie sich die Reben auf verschiedenen Böden entwickeln. Wie schmeckt ein Tinto-Fino-Wein, der von einer sandhaltigeren Lage stammt im Vergleich zu einem, dessen Reben auf viel Kalk wuchsen? Damit sind die Winzer gleichauf mit ihren Kollegen in der Rioja. Denn auch dort beschäftigt man sich damit, wie sich Einzel- und Höhenlagen auf die Weine auswirken. Beide jedoch mit je eigener, spannender Stilistik, beide mit aufregender Dynamik!

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