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Riesling: Königin der weißen Rebsorten

Vom gefeierten Spitzenwein zum süffig-süßen Exportschlager und wieder zurück: Weine aus der Rebsorte Riesling sind heute so beeindruckend wie zu ihren Glanzzeiten. Entdecken Sie mit uns langlebige Gewächse mit einzigartigem Süße-Säure-Spiel!

Marie Ohl Von Marie Ohl

  | 14. Juni 2021

Was denken Sie, welcher Wein preislich die Weinkarte anführte, als das us-amerikanische Luxus-Hotel Shamrock im Jahr 1949 öffnete? Es war ein Riesling aus dem Rheingau! Eine Flasche Schloss Johannisberg 1921 kostete 40 Dollar. Und damit über viermal so viel wie ein Château Margaux 1937 aus dem Bordeaux. Ein Tippfehler? Mitnichten. Schaut man in die Weinkarten anderer berühmter Hotels wie dem Ritz-Carlton in New York aus dieser Zeit, ist die Bilanz ähnlich: deutsche Riesling-Weine waren teurer als französische Spitzenexemplare. Die Flasche Romanée-Conti stand mit 8 Dollar auf der Karte. Rheingauer Rieslinge mit 8 Dollar 50. Ungewöhnlich genug, dass man in der Nachkriegszeit deutsche Weine nicht von der Karte verbannt hatte. Was machte bloß die Faszination für diese Weine aus?  

Da ist die große und aufregend stilistische Bandbreite. Allein die Aromenpalette reicht von blumig über fruchtig bis hin zu mineralisch, kann aber auch würzig oder honigartig sein. Im Glas können sie grüngelb oder goldgelb sein, am Gaumen schlank und klirrend-knochentrocken oder barock-kräftig und aromatisch süß. Eines aber sind sie immer: lebendig frisch. Riesling-Gewächse schmeicheln durch ihr spannendes Süße-Säure-Spiel bei verblüffend moderaten Alkoholwerten. Manche Weine haben lediglich sieben Volumenprozent! Das verleiht ihnen eine komplexe Eleganz, die weltweit einmalig ist. Der hohe Gehalt an Weinsäure sorgt dann auch dafür, dass sie eben lange lagern können - und selbst nach fünfzig Jahren noch frisch schmecken! Das schaffen nicht viele Weine. Und trotzdem ist das Urteil von Jancis Robinson, der renommierten Grande Dame der Weinkritik, bemerkenswert. Denn für sie ist Riesling "die beste Weißweinsorte der Welt." Aus dem Mund einer Britin kein kleines Lob. 

Interieur eines noblen Restaurants
Edle Bar, edler Wein: Hier finden Sie ziemlich sicher Riesling auf der Karte.

Herkunft der Sorte

Obwohl sie heute als deutsche Rebsorte gilt, ist ihr Ursprung nebulös. Als einen Elternteil hat man mittels DNA-Analysen die weiße Varietät Heunisch (französisch Gouais Blanc) identifiziert. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine der umtriebigsten Sorten in Westeuropa. Von ihr stammen über 100 Varianten der heutigen Rebsorten ab. Aber das nur am Rande. Riesling verdankt ihr die prägnante hohe Weinsäure, die die Weingenießer in Fans und Fliehende unterteilt. Der zweite Elternteil ist unklar. Man vermutet einen unbekannten Nachkommen des weißen Traminers (französisch Savagnin). Zwei Sachen haben Traminer und Riesling auf jeden Fall gemeinsam: die Aromenfülle und die Langlebigkeit.

Unklar ist auch, wo genau die Kreuzung entstand. Stammt sie aus Ostfrankreich, weil dort Gouais Blanc und Savagnin verbreitet waren? Unwahrscheinlich ist es nicht, denn Riesling ist heute die häufigste Rebsorte im französischen Elsass. Wahrscheinlicher ist aber, dass die Sorte von der anderen Seite des Rheins stammt, aus dem Rheingau. Dort findet sich ihr frühestes Zeugnis. Eine Kellereirechnung aus dem Jahr 1435 zeigt, dass "setzreben riesslingen in die wingarten" verkauft wurden. Also Setzlinge für einen Weingarten.

Allerdings haben sich an der Schreibweise von "Riesslingen" bereits Etymologen abgearbeitet. Haben die damaligen Autoren der Kellereirechnung damit Riesling gemeint? Oder die Sorte Räuschling, die ruesseling geschrieben wurde? Und wo wir gerade bei Unklarheiten sind: Man weiß auch nicht, worauf sich der Name bezieht. So könnte er von Rußling abgeleitet sein und damit für dunkles Holz stehen. Oder von Rissling und damit für reißen. Verlassen wir die Spekulationen und schauen uns an, was unstrittig ist. 

Riesling-Reben am Hang
Nebulöser Ursprung, glasklare Weine: Riesling-Reben werden seit dem Mittelalter angebaut.

Revolution im Rheingau

Das erste Dokument mit der heutigen Schreibweise stammt aus dem Jahr 1577. In seinem "Kreutterbuch" schreibt der Botaniker Hieronymus Bock, dass am Rhein und an der Mosel Riesling gedeiht. Richtig durchstarten konnten Winzer mit dem Anbau aber erst, als Bauernkriege und der Dreißigjährige Krieg überstanden waren. In den Klöstern hatte man die hohe Qualität der Sorte erkannt und ersetzte freiwerdende Rebflächen mit Riesling. Oder bestockte ganze Weinberge neu. Genau das passierte im Jahr 1720 im Rheingau in den Weingärten der Benediktinerabtei Johannisberg. Auf dem heutigen Schloss Johannisberg wurden insgesamt 293.950 Rebstöcke in den Boden gesetzt - der erste Weinberg der Welt, auf dem ausschließlich Riesling wuchs. 

Das war radikal. Denn zu der Zeit war es üblich, in Weinbergen verschiedene Sorten als sogenannten Gemischten Satz anzupflanzen. Um sich gegen Ernteausfall abzusichern. Schließlich befand man sich schon damals in einer kühlen Randzone für Weinbau. Sich auf nur eine Sorte zu beschränken, galt als riskant. Zudem benötigen die Riesling-Reben buchstäblich herausragende Lagen: die besten Ergebnisse erbringen sie auf kargen Böden an Steilhängen. Nur dort hat die mittel- bis spätreifende Sorte bis in den Oktober hinein ausreichend Sonne, um ihr einzigartiges Aromenprofil auszubilden. In anderen Dingen wiederum ist sie toleranter und wie gemacht für das kühle Klima: Sie ist resistent gegen Falschen und nur leicht empfindlich für Echten Mehltau. Absolutes Plus ist ihr später Austrieb, der die Blüten vor Frühlingsfrost schützt. Schloss Johannisberg hatte ab 1720 nicht nur 293.950 Riesling-Rebstöcke. Es hatte auch allerbeste Lagen. Das löste eine Initialzündung aus. 

Wie Riesling zum Weltstar wurde

Immer mehr Klöster und Fürsten empfahlen die hochwertige Sorte. Berühmt ist der Erlass des Trierer Kurfürst Clemens Wenzeslaus im Jahr 1787. In dem verfügt er mit drastischen Worten, dass man überall an der Mosel die "minderwertigen" Varianten "aushauen" solle. Sprich früh reifende Sorten wie Heunisch und Silvaner, die verlässlich hohe Erträge sicherten. Diese Sorten waren aus Sicht der meisten Weinbauern zwar sehr sinnvoll. Schließlich mussten sie ihren Zehnt in Form von Wein an den Landesherren abgeben. Verständlicherweise wollten die Fürsten als Empfänger des Zehnts hingegen lieber die hochgelobten, schwer angesagten Riesling-Weine genießen und ihren Gästen anbieten können. So wuchs ihr Anteil in den Weingärten. 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Riesling nicht nur an der Mosel und im Rheingau verbreitet. In der Pfalz, an der Bergstraße in Hessen oder im Elsass war sie ebenfalls gefragt wie nie zuvor. Auch, weil die Liste der internationalen Fans immer länger wurde: Ob bei Kaiser Wilhelm I, am britischen Königshaus, russischen Zarenhof oder in Spitzenrestaurants weltweit - wer etwas auf sich hielt, genoss Riesling. Die Rebflächen wuchsen. So waren Mitte des 19. Jahrhunderts im Rheingau etwa 80 Prozent mit Riesling bestockt.

Mit dem Ruhm stiegen die Preise. Die Angebotsliste eines Londoner Auktionshauses notiert eine Zwölfer-Kiste Rheingauer Riesling aus dem Jahr 1862 mit zweihundert Pfund. Die Zwölfer-Kiste Château Lafite von 1878 ist da vergleichsweise günstig. Sie ist mit nur einhundertvierzig Pfund gelistet. Riesling war ein gefeierter Superstar, der Königs- und Auktionshäuser mit Leben erfüllte. Warum waren Menschen bereit, so viel dafür zu zahlen?

Faszination Riesling

Verkoster vor beleuchtetem Weinkühlschrank
Ein Glas, unzählige Aromen: Riesling hat nahezu unendlich viele Facetten!

Dazu steigen wir noch etwas tiefer in die Aromatiken ein. Ähnlich einer anderen noblen Rebsorte, der Pinot Noir, ist Riesling nämlich besonders gut in der Lage, sein Terroir zum Ausdruck zu bringen. Ein paar Beispiele gefällig? In nördlichen Gebieten wie der Mosel schreibt man dem blauen Schiefer Noten von grünem Apfel und mineralischen Einflüsse zu, die Rieslinge geraten meist schlank und mit hoher Weinsäure. Vom Pfälzer und Elsässer Buntsandstein kommen fruchtige Rieslinge mit konzentriertem Aprikosenduft und etwas kräftigerem Körper. Sogar schwere kalkhaltige Böden eignen sich für Riesling: Rheinhessischer und Pfälzer Muschelkalk drehen die Aromen auf Richtung Mango und sorgen für opulente Weine. Die berühmten Petrolnoten hingegen kommen nicht aus dem Boden, sondern treten vor allem in warmen Jahren und bei gereiften Rieslingen auf.

Um die Frucht nicht zu maskieren, baut man Riesling sehr oft im Edelstahl aus. Häufig ruht der Wein auch eine Zeit im großen Holzfass, da er so eine Extraportion Struktur erhält. Auf gar keinen Fall gelangt der Wein ins neue Barrique. Man will schließlich nicht, dass Vanillenoten die feinen Aromen überdecken. Zumindest bei Traditionalisten. Einige Modernisten haben aber auch hier das Riesling-Portfolio erweitert und experimentieren mit Barrique-Noten. Riesling-Innovation gab es auch bereits an anderer Stelle. Denn einige besondere Stile wurden erst im 19. Jahrhundert entdeckt. 

Der Spätlese-Reiter

Nahaufnahme Süßwein im Glas
Dicht, opulent, frisch: Süßweine aus Riesling sind großes Genusskino.

Bisher haben wir edelsüße Rieslinge nicht explizit erwähnt. Dabei sorgen sie mit ihrer intensiven Fruchtaromatik von Aprikose, Mango und Ananas, honigartigen Nuancen und ihrer superfrischen Weinsäure für genussvolle Euphorie. Sie wurden zufällig entdeckt. Der Legende vom Spätlese-Reiter nach geschah das in der Benediktinerabtei Johannisberg. Genau. In dem Kloster, das alle seine Flächen mit Riesling bestockt hatte. Und das hatte im Herbst im Jahr 1775 ein echtes Problem. Die reifen Trauben hingen am Stock und man wollte man endlich lesen. Durfte aber nicht. Denn damals benötigten die Mönche eine Genehmigung ihres Fürstbischofs. Wie jedes Jahr hatte man den berittenen Boten mit reifen Beeren bereits ausgesandt. Der kehrte aber nicht zurück. Die Mönche wagten nicht, illegal zu ernten. Und warteten. An den Rebstöcken verschrumpelten die Beeren. 

Nach zwei Wochen kehrte der Reiter mit der ersehnten Erlaubnis doch noch zurück. Auch wenn keiner der Mönche daran glaubte, aus den verspätet gelesenen angefaulten Trauben noch einen trinkbaren Riesling-Wein gewinnen zu können, machten sie einen. Und der war ganz anders als alles, was sie davor getrunken hatten: Man hatte die einzigartige Welt der edelsüßen Weine entdeckt. Heute reichte ihr Spektrum von Auslesen über Beerenauslesen bis hin zu Trockenbeerenauslesen. Damit sind sie eine Art Kontrapunkt zu den federleichten Kabinett-Weinen, in denen sich die Sorte von ihrer grazilen, meist mineralischen Seite zeigt.

Denkmal vor Schloss Johannisberg
Legende mit eigenem Denkmal: Der Spätlese-Reiter vor Schloss Johannisberg.

Aus heutiger Sicht ist der Name Spätlese-Reiter verwirrend, denn Spätlesen werden aus vollreifen, aber nicht angefaulten Beeren gemacht. Dennoch entstehen die Auslesen auch heute noch so, wie in der Anekdote beschrieben. Dafür sorgt der Pilz Botrytis. Weil die kleinen Beeren in der Traube eng zusammenstehen, sind sie im Spätherbst anfällig für den Pilz. Er löst Edelfäule aus, perforiert die Traubenhaut und lässt so Flüssigkeit entweichen. Optisch machen die einschrumpelnden Beeren dabei eher Verluste. Aber geschmacklich gewinnen sie! Auslesen sind ausbalancierte Raritäten, die man zu einem grandiosen Essen genießt. Oder als krönenden Abschluss. Nie, nie, nie sind die edelsüßen Gewächse klebrige Zuckergetränke. Und dennoch hatten die Riesling-Weine für manche Genießer genau dieses Image. Wieso eigentlich?

Der Riesling-Blackout: Süß und süffig

Galoppieren wir dafür mit dem Spätlese-Reiter durch die Zeit. Bis in die 1970er-Jahre. Da setzte man in der Bundesrepublik bei Weinen mehrheitlich auf Massenproduktion. Viele Winzer gaben den aufwändigen Anbau in Steillagen auf, weil die Ebenen günstiger zu bewirtschaften waren. Der Ertrag stieg. Für Riesling aber war das ungünstig, da er in der Ebene im Herbst keine ausreichende Wärme bekam. Der natürliche Gehalt an Fruchtzucker reichte selten, um die hohe Weinsäure auszugleichen. Sehr saure Exemplare erhielten bald darauf den Spitznamen "Wendewein". Denn man empfahl Trinkenden, sich nachts jede halbe Stunde umzudrehen, damit die Flüssigkeit nicht die Magenwand durchlöchere. Was tun?

Man half mit Zuckerwasser nach - abgesegnet durch das deutsche Weingesetz von 1971. Denn das legte fest, dass selbst trockener Qualitätswein mit bis zu zehn Prozent Zuckerwasser aufgebessert werden durfte! Stichwort preiswerte Weine mit gutem Trinkfluss wie Kröver Nacktarsch, Goldener Oktober und Liebfrauenmilch. Das führte zu einem Paradox. Denn die so Aufgezuckerten konnten so süß sein wie die höherwertigen Kabinett-, Spät- und Auslese-Rieslinge, die jedoch ihre Süße natürlich erreichen mussten.

Moselschleife bei Kröv
Für eine Weile aufgegeben: die schwierige Arbeit in den Steillagen.

Eins aber konnte die Zuckerlösung nicht: die fehlende Riesling-Aromatik herbeizaubern. Von komplexem Süße-Säure-Spiel ganz zu schweigen. Selbst wenn die lieblichen Verschnitt-Weine wie Liebfrauenmilch nicht nur Riesling enthielten, sorgten sie dafür, dass auch Riesling im Ausland als süß und süffig wahrgenommen wurde. Großflaschen in britischen Supermärkten waren das günstige Gegenteil zum Rheingauer Riesling auf der Karte im Ritz-Carlton. Zwischen Spätlese-Reiter und Liebfrauenmilch hatte man irgendwie vergessen, zu welchen Höhenflügen die Sorte fähig war. 

Riesling-Renaissance: Der Phönix aus der Asche

Als wäre das nicht genug der Demütigung, verstärkte eine weitere Sache den Niedergang der edlen Sorte, die schon bald nicht mehr Winzers Liebling war. Man setzte nämlich auf Sorten, die schnell höhere Erträge versprachen. Es war die Zeit der früh reifenden, säurearmen Müller-Thurgau, die zu Höchstleistungen angespornt werden konnte. Sie produzierte bis zu 110 Hektoliter pro Hektar - und damit doppelt so viel wie Riesling. Anfang 1970 hatte sie diesen sogar in Sachen Rebfläche überholt! Riesling-Weine schienen komplett aus der Zeit gefallen. Zum Glück nahte Veränderung!

Denn es gab tatsächlich ein paar einsame Verfechter des schwierigen Steillagenanbaus. Weingüter wie Joh. Jos. Prüm und Egon Müller setzten weiterhin auf rigorose Qualität. Diese wurden Ende der 1980er-Jahre von einer Generation junger Winzer entdeckt, die sich vornahm, Riesling wieder zu Weltklasse-Weinen zu machen. Also zog man in die Steillagen, baute wieder mehr Riesling und versorgte sie selbstverständlich nur mit den besten Lagen. Man reduzierte den Ertrag und las sorgfältig von Hand. Damit stieg die Qualität und traf man einen Nerv der Zeit. Der Ruf der Riesling-Renaissance erreichte die andere Seite des Atlantiks. Im Jahr 2000 verkündete das US-amerikanische Time Magazine im Artikel "Riesling’s Revenge" - die "Rache des Rieslings": "Ob Sie es glauben oder nicht, Riesling ist in."

Zwei Frauen an der Theke einer Weinbar
Liebfrauenmilch adé: Riesling-Weine stehen wieder auf den Karten renommierter Weinbars.

Zwei Jahre später gelang einem Riesling von der Nahe das scheinbar Unmögliche: Die einflussreiche Benchmark der Weinkritik - Robert Parker’s Wine Advocate - verlieh zum ersten Mal die Höchstnote von 100 Punkten für einen deutschen Riesling. Die danach mit schöner Regelmäßigkeit hohe Bewertungen einsammelten. Das tun sie bis heute - und nicht nur von Robert Parker! Auch die 2006 gegründete Initiative Generation Riesling hat mit ihren Verkostungen geholfen, die Weinwelt von der erneuten Klasse der Gewächse zu überzeugen. Sogar die Preise zogen wieder an. Im Herbst 2015 erzielte ein Wein von der Mosel einen neuen Rekord. Eine 2003er Riesling Trockenbeerenauslese von Egon Müller galt ab sofort als teuerster Weißwein der Welt! Mit 12.000 Euro für eine Flasche. Man kann Riesling also ruhigen Gewissens wieder die Königin der weißen Sorten nennen. 

Riesling außerhalb von Deutschland

Flächenmäßig ist Riesling in Deutschland wieder auf Platz eins. Auf 24.000 Hektar wächst die Sorte, die Zweitplatzierte Müller-Thurgau belegt mittlerweile nur noch die Hälfte, 12.000 Hektar. Weltweit waren 2016 knapp 60.000 Hektar bestockt - damit sind 40 Prozent der Rebflächen in Deutschland. Schauen wir uns an, wo die Rebsorte noch so wächst. 

Üppige Varianten: Elsass und Österreich

In unmittelbarer Nachbarschaft stehen in Frankreich 4.000 Hektar unter Riesling - fast alle davon im Elsass. Die Weine geraten gehaltvoller und alkoholreicher als die deutschen Pendants und zeigen meist Steinobst- und Zitrusaromen. Die süßen Varianten heißen hier Vendanges Tardives, wenn sie aus vollreifen oder leicht getrockneten Trauben gemacht werden. Sélection de grains nobles ist die edelsüße Version und entspricht einer Trockenbeerenauslese. Auch Rieslinge aus Österreich (2.000 Hektar) sind keine Leisetreter. Auf kargen, sandig-steinigen Gesteinsböden geraten die Rieslinge kraftvoll, mit Noten von Aprikosen, tropischen Früchten und Blütenhonig. Die trockenen Weine aus der Wachau und dem Kamptal sollten auf der Liste aller Riesling-Fans stehen!

Riesling in den Vereinigten Staaten

Eine regelrechte Riesling-Mania gab es im kleinen Weinbaugebiet Washington State in den Vereinigten Staaten (5.000 Hektar). Spätestens, seit ein Riesling von Chateau St. Michelle bei einer Verkostung die europäische Konkurrenz ausstach, war Riesling hier schwer en vogue. Man veranstaltete sogar Riesling-Symposien! Und als das Chateau in den 1990er-Jahren mit Ernie Loosen zusammenarbeitete, waren die Weine bei Riesling-Kennern weltweit angesagt. Denn mit dem damaligen Shooting-Star von der Mosel entstand der feinherbe Riesling 'Eroica' - das cremige Mundgefühl, die klare Struktur und die würzige Schiefer-Mineralik haben den Wein zum Kult gemacht.

In Kalifornien dominieren in den wärmeren Regionen von Napa Valley und Sonoma County natürlich Cabernet Sauvignon und Chardonnay. Aber in Pazifiknähe, die für kühleres Klima sorgt, setzen Winzer zunehmend auf trockene Varianten wie an der Mosel sowie Riesling im edelsüßen Stil. Unweit von New York gilt das Cool-Climate-Weingebiet Finger Lakes als Hot Spot für Riesling. Früher halbtrocken vinifiziert, hat eine junge Winzergeneration in den letzten Jahren trockene Gewächse entdeckt. Obwohl die Region klein ist, gibt es hier eine echte Riesling-Tradition: die ältesten Rebstöcke der Vereinigten Staaten sind hier zu finden. 

Washington State: Weinfelder mit dramatischem Licht
Riesling-Mania: In den Vereinigten Staaten wächst Riesling auf 5.000 Hektar Rebfläche.

Riesling in Kanada und Down Under

Weiter nördlich sind die 1.200 Hektar Riesling in Kanada zwar eher klein. Aber hier haben sich Winzer auf einen Stil spezialisiert, den wir bisher ausgeklammert habe. Eiswein. Kanada ist nämlich der größte Eisweinproduzent der Welt. Einen Teil davon macht man mit Riesling, die so ihr volles Potenzial als Cool-Climate-Rebsorte zeigen kann. Wie in Deutschland gefrieren hierfür die Trauben im Winter am Stock, wenigstens -7 Grad Celsius müssen es dafür sein. Aus den gefrorenen Beeren entstehen Weine mit konzentriertem, frisch-fruchtigen Geschmack bei hoher Säure - auch das eine hochspannende Rarität, die es nur gibt, wenn es kalt genug wird!

Bei Cool Climate denkt man jetzt nicht unbedingt zuerst an Australien (3.100 Hektar). Aber tatsächlich war Riesling dort bis 1992 die meistangepflanzte Rebsorte! Denn sie war eine der ersten weißen Varietäten, die im 19. Jahrhundert im Gepäck von schlesischen Siedlern auf den fünften Kontinent kam. Im Vergleich zu europäischen Rieslingen gerieten die Weine aber weniger komplex. Man sattelte um auf die hitzeunempfindliche Chardonnay und beschränkte den Riesling-Anbau auf kühlere Weinregionen. Die gibt es nämlich auch. Im Eden Valley und Clare Valley duften die Rieslinge herrlich sanft nach Limetten, zeigen eine schöne Mineralität und Länge.  

Riesling-Mania überall

Karte mit Riesling-Anbauflächen weltweit
Hier wird überall auf der Welt Riesling angebaut. © Wine in Black

Das sind so die typischsten Gebiete für Riesling. Aber auch woanders finden sie aufregende Exemplare: Ob Neuseeland, Südafrika, Italien, Spanien oder Portugal - haben Sie sich einmal für die edle Sorte begeistert, werden Sie fast überall auf Winzer treffen, die herausfinden wollen, welche Aromatik Riesling in ihrem Weinberg entwickelt. Wir finden das natürlich äußerst gut, macht es uns als Riesling-Fans doch einfach unglaublich viel Spaß, ihre zahlreichen Facetten zu entdecken. Und dabei haben wir noch gar nicht gesagt, dass es auch Riesling-Sekt gibt!

Sie ahnen, was wir Ihnen zum Schluss ans Herz legen: Verkosten Sie Riesling! Tauchen Sie ein in diese einzigartige Aromenwelt. Wie wäre es mit einem trockenen Riesling neben einer Trockenbeerenauslese? Oder einem opulenten Riesling aus Österreich und dem Elsass neben einem schlanken, mineralischen Mosel-Exemplar mit stahliger Weinsäure und einem federleichten Kabinett? Ja, es gibt viel zu erleben - lagern Sie ruhig ein paar Flaschen im Keller ein. Dann können Sie nach und nach den Planeten Riesling erkunden. 

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