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Sizilien: Wein für Individualisten

Aufgewecktes Sizilien! Wein bauten hier schon die Griechen an. Aber erst in den 1980er-Jahren begannen sizilianische Winzer im größeren Stil, Weine zu machen, die individuell und spannend sind. Entdecken Sie Italiens dynamischste Weinregion.

Sizilien, Westküste, 1773. In der Hafenstadt Marsala suchte der englische Kaufmann John Woodhouse eine günstige Alternative zu Port und süßem Sherry. Denn in England überstieg die Nachfrage das Angebot. Fündig wurde er eben auf der größten Insel im Mittelmeer. Zum Transport gen Heimat gab Woodhouse dann Weingeist in die Fässer, um den Wein haltbarer zu machen. Außerdem gab er noch einen Schuss süßen Mosts hinzu, schließlich sollte es ja wie Port schmecken. Der neue Likör-Prototyp gefiel und und begeisterte auch die britische Flotte so sehr, dass Admiral Horatio Nelson bald riesige Mengen dieses Sizilien-Weins bestellte. Der Dessertwein Marsala war geboren.

Zweihundert Jahre später befand sich sizilianischer Wein im Dornröschenschlaf. Marsala wurde auf der Insel konsumiert, meist degradiert als Kochzutat. Nach außen gelangten lediglich die alkohol-, frucht- und tanninreichen Rotweine. Als etikettenlose Masse, die blasse Tafelweine aus Norditalien und Südfrankreich aufpeppten. Man konkurrierte mengenmäßig um den ersten Platz in Italien mit dem benachbarten Apulien. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hätte kein Weinkenner Sizilien und Qualitätswein in einem Atemzug genannt. Es brauchte innovative Menschen, um Siziliens Wein-Image zu drehen. Und die gab es. 

Böden und Klima auf Sizilien

Sie hatten genug vom Massenwein. Siziliens Winzer wie Diego Planeta wollten mehr. Und die Voraussetzungen dafür waren ausgezeichnet: Über die Hälfte der Insel ist von Hügeln und Gebirgen geprägt. Deren magere Böden ermöglichen kraftvolle und konzentrierte Weine. Eher sandig sind sie im Westen und mit hohem Kreideanteil im Südosten. Eine Ausnahme ist der vulkanische, mineralhaltige Boden am Ätna, dem größten aktiven Vulkan Europas ganz im Osten Siziliens. Der verleiht den Weinen mehr Komplexität und Eleganz. Die Spitze des über 3.300 Meter hohen Vulkans ist mehrere Monate im Jahr schneebedeckt und lässt leicht vergessen, dass man weiter unten ordentlich schwitzen kann.

Sizilien: Liparische Inseln mit Strand und Weingläsern
Küste, Berge und Vulkan: Siziliens Landschaft ist spannend und gut geeignet für den Anbau von Reben.

Denn die südöstliche Spitze der Insel liegt südlicher als Tunis! Das mediterrane Klima mit heißen Sommern und ungefähr 2.500 Sonnenstunden im Jahr ist ideal, damit Trauben ausreifen können. Die Trockenheit während des Wachstums sorgt für viel Körper und Zucker. Bewässerung ist in der Ebene also Pflicht, und so sieht man fast überall in Weinbergsnähe große Rohre. Es kann bis über vierzig Grad heiß werden, jedoch sind Lagen an Hügeln oder am Meer, wie auf den Liparischen Inseln, kühler. Grundsätzlich aber ist das Klima ähnlich wie im australischen Barossa Valley oder im kalifornischen Napa Valley. Deren Weine gaben in den 1980er-Jahren einen wichtigen Impuls. Denn wenn es diese Neulinge der Weinwelt geschafft hatten, Weine zu machen, die man international beachtete, warum sollte das nicht auch auf Sizilien gelingen? 

Sizilien: Wein auf neuen Wegen

Diego Planeta war eben einer der Winzer, die mehr wollten. Er stand als Präsident der größten Genossenschaft der Insel vor, Settesoli, einer von ungefähr 50 auf der Insel. Zugleich leitete er ab 1985 in der sizilianischen Hauptstadt Palermo ein Forschungszentrum. Hochgradig vernetzt mit Forschern und Kollegen, holte er sich Hilfe von Italiens önologischen Mastermind, dem Kellermeister und Berater Giacomo Tachis. Ihm werden die Supertuscan-Ikonen Sassicaia, Tignanello und San Leonardo zugeschrieben. Dieser neue Weinstil aus der Toskana hatte ihr Ansehen in der Welt in den 1970er-Jahren radikal verbessert. Für Planeta hatte das Mastermind einen langfristigen Plan in petto, um das Image von Siziliens Wein neu zu schaffen.

In einer Bar stoßen zwei Menschen mit Rotwein an
Dank Diego Planeta und Giacomo Tachis gibt es sizilianischen Wein heute in Weinbars außerhalb Italiens.

Der erste Schritt bestand darin, das anzubauen, was international gerade gefragt war. Also die französischen Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot und Chardonnay. Giacomo Tachis wusste, dass diese im sizilianischen Klima gut wachsen würden. Also pflanzten die Winzer von Settesoli 1985 die ersten Chardonnay-Rebstöcke in den Boden. Beileibe kein nischiges Experiment, denn die 1.500 Weinbauern und Traubenlieferanten bewirtschafteten schon damals 4.000 Hektar. Also mehr als alle Winzer heute im Rheingau zusammen. Dort gibt es 3.200 Hektar.

Ob an der Westküste um Marsala und Menfi, wo Settesoli noch heute sitzt, oder in den wenigen Rebflächen im Inneren der Insel oder im Osten: es war die Zeit der internationalen Rebsorten. Und die wurden meist so ausgebaut wie in Kalifornien und Australien: mit voller Frucht, viel Alkohol und Holzaroma. Man fasst in Markt Fuß! Sizilien und Wein, das konnte man jetzt wieder in der Bar aussprechen, ohne einen verächtlichen Blick zu ernten. 

Das neue Sizilien: Nero d‘Avola

Der zweite Teil von Tachis‘ Plan sah dann so aus: mit der internationalen Aufmerksamkeit konnte man sich den eigenen Rebsorten widmen. Zum regelrechten Star wurde die rote Sorte Nero d’Avola. Genau die intensiv-schmeckende Sorte, aus der früher die Massenweine gemacht wurden. Aber zahlreichen Investitionen in die Kellertechnik machten sich bemerkbar. Siziliens Weine waren jetzt durchgängig sauber gemacht. Das war vorher nicht immer der Fall, denn uralte Fässer lieferten schon muffige Gerüche. Begrenzt man zudem die Erträge von Nero d’Avola, entstehen aus ihr dichte und vollmundig-würzige Weine mit Aromen von Kirsche, Brombeere, Pflaume und - wenn im Holzfass ausgebaut - Schokolade. 

Sizilien: Wein-Trauben an einem Rebstock
Alter Nero d'Avola-Rebstock, der automatisch weniger, aber aromatischere Trauben hat.

In den 1990er-Jahren lösten ihre Weine einen regelrechten Hype aus. Es war, als ob Kritiker und Sommeliers darauf gewartet hätten. Zumindest schien ihnen die immergleichen Chardonnay und Cabernet Sauvignon langweilig geworden zu sein. Das Schlagwort von "Italiens neuem Kalifornien" geisterte durch die Gourmetszene. Sizilien-Wein galt als neu und aufregend. Trinkanimierend mit viel Frucht und einem erfrischenden, hohen Gehalt an Weinsäure hatte er schnell einen festen Platz auf den Weinkarten weltweit. Wer etwas auf sich hielt, bestellte Nero d’Avola. Heute ist die Rebsorte mit knapp 14.000 Hektar Fläche die wichtigste der Insel. Sicher auch, weil sie hervorragend mit der Hitze klarkommt.

Ihren Namen hat sie von der kleinen Stadt Avola im Südosten. Dort erbringt sie auf kalkreichen Böden in der DOCs (Denominazione di Origine Controllata) Eloro und Noto elegantere Varianten, die länger lagern können. Westlich davon wird es noch eleganter. In Siziliens einziger DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) Cerasuolo Di Vittoria wird Nero d’Avola mit einer weiteren einheimischen Rebe gemischt. Die rote Frappato bringt saftige Erdbeernoten und frische Weinsäure in die Cuvées, die am besten jung getrunken werden. Weiter nördlich indes zündeten Winzer die nächste Qualitätsstufe.

Wein: Sizilien-Coolness vom Ätna

Sizilien: Wein-Berge in der Nähe des Ätna
Schon am Fuße des Ätna sieht man sie: Alte Buschreben.

Sie entdeckten Weinbau in extremen Höhenlagen. Am Vulkan Ätna begab sich Anfang der 2000er-Jahre eine neue Generation auf bis zu 1.000 Meter Höhe. Das bedeutete schon mal aufgrund der Hanglage sehr viel mehr Handarbeit. Außerdem nutzen viele der Winzer die bis zu einhundert Jahre alte Buschreben, die sie dort entdeckt hatten. Es bedeutet zudem kleinere Beeren und damit viel weniger Ertrag. Warum also sollte man sich das antun? In den kleinen, terrassierten Parzellen sind die Rebstöcke mit Trockensteinmauern aus Lavagestein geschützt. Ungefähr das Vierfache an Zeit brauchen Winzer dort, im Vergleich zu Rebflächen in der Ebene, die mechanisch gepflegt werden können. 

Weil man dafür umso aromatischere Weine erhält, von eleganter Struktur und Frische. Denn durch die besondere Lage gibt es große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Gut für die Trauben, die so ihren hohen Gehalt an Weinsäure behalten. Zudem waren die Weine individueller. Alte Reben, mineralhaltige Böden und das Know-how einer gut ausgebildeten Winzergeneration, die zum Teil aus dem Ausland kam, trafen hier kongenial aufeinander. Im Jahrgang 2014 knackten zwei Rotweine vom Ätna die 96 Parker-Punkte-Schallmauer. Das hatte es in Siziliens DOC Etna zuvor noch nie gegeben. Die Folge: Preise, die an der 100-Euro-Marke kratzten, bis dahin undenkbar für einen sizilianischen Rotwein. Heute gibt es über einhundert Winzer am Vulkan.

Renaissance der sizilianischen Vielfalt

Obwohl fast überall auf der Insel französische Sorten und Nero d’Avola angebaut werden, findet man sie am Ätna nicht. Für diese wärmeliebende Sorten wäre es dort eindeutig zu kalt. Kein Wunder, dass die DOC Etna nur andere Rebsorten erlaubt: die roten Nerello Cappuccio und Nerello Mascalese, deren Weine so elegant sind, dass man sie auch Siziliens Pinot Noir nennt. Für den elegant-frischen Eindruck sorgt auch ihr hoher Gehalt an Weinsäure. Erstaunlich ist, dass auch viele andere einheimischen Trauben trotz hoher Temperaturen meist eine hohe Weinsäure haben. So etwa die weißen Carricante und Zibbibo. Zibbibo kennen Sie vermutlich unter ihrem anderen Namen: Muscat d’Alessandrie. 

Frau sitzt an einem Tisch mit einem Weißweinglas
Carricante und Zibbibo sind in Sizilien bekannte Reborten, die erfrischende Weißweine ergeben.

Das waren beileibe noch nicht alle autochthonen Sorten. Dazu ist die Insel einfach zu groß. Mit etwa 100.000 Hektar Rebfläche beackern Winzer hier genau so viel wie in ganz Deutschland. So wundert es nicht, dass es neben einer DOCG insgesamt 23 DOCs gibt! Die meisten befinden sich um die Stadt Marsala an der Westküste. Weitere ziehen sich entlang der gesamten Ostküste und halbmondförmig um den Ätna. Im Landesinneren gibt es weniger, da hier die kühlende Meeres- oder Bergluft fehlt. Das gestiegene Qualitätsbewusstsein sizilianischer Winzer schlägt sich auch in den Rebflächen nieder, die als DOC oder DOCG klassifiziert wurden. Im Jahr 2013 belief sich diese auf knapp 12.900 Hektar. Fünf Jahre später hat sich die Fläche mehr als verdoppelt, auf 27.000 Hektar! Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass Tachis’ Plan voll aufgegangen ist.

Sizilien: Wein mit Vielfalt

Sizilien: Weinkarte einiger DOCs
Ein kleiner Ausschnitt aus den vielen sizilianischen Weinregionen. © Wine in Black

Warum aber gibt es so viele verschiedene Unterregionen? Klar, zum einen liegt das an den vielen Rebsorten. Ein anderer Grund hat mit der großen stilistischen Vielfalt zu tun: es werden nämlich nicht nur Rot-, Weiß- und Rosé-Weine hergestellt. Sondern auch süße Varianten. Berühmt ist der Süßwein Moscato di Pantelleria von den Liparischen Inseln (DOC Malvasia delle Lipari). Dort gibt es auch einen nach dem Appassimento-Verfahren hergestellten Passito, ebenso wie an der Westküste, in der DOC Menfi. Gleich in der Nähe werden in der DOC Alcamo die edelsüße Version Vendemmia Tardiva hergestellt, also die italienische Spätlese. Aber damit nicht genau: in Alcamo gibt es außerdem noch prickelnde Spumante-Schaumweine. In der benachbarten DOC Marsala wird auch heute noch Marsala hergestellt, aus den weißen Sorten Inzolia und Grillo, die mit ihrer hohen Weinsäure für viel Frische sorgt. Allerdings wird Marsala heute zunehmend trocken ausgebaut, vermutlich, um das Image einer reinen Kochzutat abzustreifen. 

Fast in allen DOCs sind neben wiederentdeckten einheimische Varianten auch die internationalen Sorten zugelassen - diese spannende Mischung hat Sizilien zu einem vibrierender Hotspot mit individuellen Weinen gemacht. Gut für Weinliebhaber: Sie sind preislich trotzdem auf dem Teppich geblieben. Orientierung bei so vielen Unterbereichen bietet dabei die 2011 geschaffene DOC Sicilia. Das ist eine Art Super-DOC, die alle anderen umfasst. Sprich: jeder Winzer, dessen Weine für eine der anderen DOCs klassifiziert ist, kann zusätzlich "Sicilia" aufs Etikett drucken. “Sicilia” können Sie also auf fast allen Flaschen im vinophiles Genuss-Mekka finden: Von den Süßweinen der Insel über die erfrischenden Spumante, von den fruchtigen Nero d’Avola über Blends aus französischen und einheimischen Sorten bis hin zu den Cool Climate-Weinen vom Ätna. Wir versprechen Ihnen eindrucksvolle Weinentdeckungen!

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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