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Grenache: Französisch-spanische Rebsorte mit zwei Namen

Vom süffigen Tropfen zum Spitzen-Wein: die Gewächse aus der roten Rebsorte Grenache – auch Garnacha genannt – haben eine bemerkenswerte Wandlung hingelegt. Und genießen trotzdem noch nicht die Bekanntheit, die sie verdienen. Zeit, das zu ändern!

Marie Ohl Von Marie Ohl

  | 30. August 2021

Sie kann einem schon leid tun. Kaum ein Weintrinker denkt als erstes an Grenache, wenn es um Rebsorten für Rotweine geht. Dabei belegt sie immerhin den siebten Rang im internationalen Ranking. Über den Globus verteilt wächst sie auf 150.000 Hektar. Also auf deutlich mehr als etwa die edle Pinot Noir aus dem französischen Burgund aufweisen kann. Denn die kommt insgesamt nur auf 106.000 Hektar. Ist aber trotzdem bekannter. Was uns zu der Frage bringt: wieso fliegen Grenache-Weine so tief unter dem Radar?

Daran ist ein bisschen ihre Geschichte schuld. Denn leider eignet sie sich auch für die Massenherstellung: sie wächst schnell und bringt einen hohen Ertrag, wenn man sie lässt. Genau das tat man bis Ende der 1980er-Jahre vor allem in Spanien. Was eben nicht dazu beitrug, dass sich Weintrinker ihren Namen einprägten. Begrenzt man hingegen ihren Ertrag, ergibt sie hochwertige, gaumenschmeichelnde Weine, die nach saftigen Erdbeeren und Himbeeren duften. Allerdings hat auch das nicht dazu geführt, dass man sich ihren Namen merkt. Denn reinsortige Grenache-Weine sind rar. Am häufigsten wandert die Sorte nämlich in Cuvées. In Frankreich etwa in die kraftvollen, kräuterwürzigen Châteauneuf-du-Pape. Zusammen mit bis zu zwölf anderen erlaubten Trauben. Egal, wie exzellent die Cuvée gemacht ist, man merkt sich dann oft nicht alle Sorten. Schon gar nicht, wenn sie, wie in Frankreich, selten auf dem Etikett erscheinen.

Rotweinglas im Sonnenlicht
Fruchtig, würzig, sanft: Willkommen in der Welt der Grenache-Weine.

Zwei Namen, eine Rebsorte

Geht es um ihren Ursprung, bleibt einiges bei der Rebsorte unklar. Ihre Eltern bleiben leider unbekannt. Verschiedene Namen hat sie auch noch, was die Sache nicht einfacher macht. So kennt man sie in Frankreich als Grenache, in Spanien als Garnacha oder - in Katalonien - als Garnatxa. International ist sie als Grenache bekannt. Ganz einfach, weil Frankreich das berühmtere Weinland ist und zudem flächenmäßig führt. Hier sind heute 78.000 Hektar bestockt, Spanien kommt da auf 55.000 Hektar. Das hätten wir also geklärt.

Dass sich die französische Variante durchgesetzt hat, scheint zunächst ungewöhnlich. Denn ihren geographischen Ursprung hat sie nicht dort. Sondern in Spanien. Sie tauchte zuerst im heutigen Aragonien auf, im Nordosten von Spanien. 1678 wurde sie dort zuerst schriftlich erwähnt. Damals gehörte die Region zum Königreich Aragón, das sich bis ins heutige Südfrankreich erstreckte. Begeistert davon, dass die Garnacha-Reben auch bei Hitze so gut gedeihen, brachten Winzer sie auch auf die andere Seite der Pyrenäen. Wo sie dann später eben zu ihrem französischen Namen kam. 

Grenache-Reben in der Provence
Gedeiht prächtig in der Nähe des Mittelmeeres: Die wärmeliebende Grenache.

Spaniens Garnacha-Bandbreite

Schauen wir uns zunächst die Weine in der Region an, wo Garnacha zuerst ihre Wurzeln in den Boden steckte. Spanien. Wie kein anderes Weinland steht es für das breite Feld, in dem sich die Sorte qualitativ bewegt. Günstige, marmeladige und alkoholstarke rote Weine mit Kopfschmerzgarantie stehen auf der einen Seite. Sie neigt nämlich dazu, viel Zucker auszubilden, Grundlage für Alkoholgehalte von bis zu 15 Volumenprozent. Auf der anderen Seite zeigen komplexe, langlebige Gewächse, zu wie viel Frucht, Würze und Tiefe Garnacha fähig ist. 

Die erste Seite wurde in den 1980er-Jahren zum schwer verkäuflichen Problem: in den Weinlagern stapelten sich die Flaschen billiger Rotweine. Ein Phänomen, dass auch andere Länder betraf und so zahlte die Europäische Union Prämien, um Rebflächen zu vernichten. In Spanien fielen die Garnacha-Flächen darunter und so wurden seit 1990 100.000 Hektar gerodet. Hatte Spanien einst die meisten Flächen weltweit, führt seit 2011 Frankreich, was die Rebflächen angeht. Damals waren die meisten spanischen Winzer felsenfest davon überzeugt, dass Garnacha und Komplexität sich gänzlich ausschlossen.

Alte Grenache-Rebstöcke
Wurden lange ignoriert: Alte Garnache-Rebstöcke in Spanien.

Garnacha-Renaissance

Zeitgleich mit den Rodungen arbeitete eine Gruppe von jungen Winzern zu Beginn der 1990er-Jahre daran, aus Garnacha das Beste herauszuholen. Im nordspanischen Priorat entdeckten sie, dass die Sorte ihr Terroir auf jeden Fall zu zeigen weiß, wenn man ihren Ertrag begrenzt. Dann geraten ihre Weine von Lehmböden füllig, fruchtig und sehr strukturiert, während sie von kalkhaltigen Böden fast floral schwingen, mit Beerennoten und einem für Garnacha hohen Gehalt an Weinsäure. Die geheimnisvollsten, mitunter kantigsten Typen kommen von Schieferböden, dort zeigen sie fast schon dunkle Früchte, Kräuternoten und einen Hauch Mineralik. Charaktervolle Weine, die weit entfernt waren von austauschbarer Massenware. 

Ein weitere Entdeckung auf dem Weg zu Terroir-Weinen lag darin, dass man Trauben von alten Buschreben verwendete, die den Ertrag auf natürliche Weise begrenzten. Denn je älter die Rebe, desto kleiner und aromatischer geraten die Beeren. Zudem ist dann die Schale im Verhältnis zum Fruchtfleisch größer, so dass die Weine mit mehr Tannin und Struktur bestechen. Weine wie der Garnacha-basierte 'L’Ermita' aus dem Priorat bewiesen dann mit einem Paukenschlag, dass man das Potenzial von Garnacha lange ignoriert hatte. Die 2013er-Edition durchbrach die Schallmauer der legendären 100 Parker-Punkte, der Wein gilt mittlerweile als Ikone. Man hatte gezeigt, dass Garnacha zur Weltklasse gehört!

Aber egal wie sehr man ihren Tanningehalt erhöht, man macht aus Garnacha keine tiefdunkle Traube. Ihr dünne Schale liefert eher wenig Tannine und Pigmente. Reinsortig ausgebaut wie etwa in der spanischen Navarra, schimmern ihre Weine daher leicht granatrot, den Gaumen umgarnen sie mit sanfter Textur. Um den Weinen mehr Struktur zu geben, verschneiden Winzer ihre Weine im Priorat daher häufig mit denen aus der dunkelroten Cariñena. In der Rioja assembliert man sie mit Spaniens Rebsorte Nummer eins, der schwarzblauen Tempranillo. Mit den Blends befindet man sich in guter Nachbarschaft, denn auch auf der anderen Seite der Pyrenäen wird kunstvoll cuvéetiert. 

Frankreich und Grenache

Nach Frankreich gelangte die Sorte im 17. Jahrhundert, zunächst ins heutige Languedoc-Roussillon entlang des Mittelmeers. Von dort nahmen Winzer sie mit in die angrenzenden Weinregionen Provence und an die südliche Rhône, wo sie um 1800 auftauchte. Im französischen Süden stellte sich heraus, dass sich die spanische Sorte perfekt für das heiß-trockene mediterrane Klima eignet: sie ist als früh austreibende und spät reifende Sorte wärmeliebend. Frost im Frühjahr ist in Südfrankreich selten und die Sonne sorgt bis in den Oktober hinein für rebenfreundliche Temperaturen. Die trockenen Sand- und Kiesböden sorgen für eine natürliche Ertragsbegrenzung und gute Qualitäten.

An der südlichen Rhône finden sich die typischen Kieselsteine "Galets roulés". Genau auf denen entstehen weltberühmte Cuvées aus Grenache. In der Rhône-Appellation Châteauneuf-du-Pape spielt die Sorte die Hauptrolle im Konzert der Aromen, ihr Anteil variiert zwischen 60 und 90 Prozent. Sie garantiert konzentrierte Beerenfrucht, Kräuterwürze und aromatische Fülle. Dabei sind die beliebtesten Partner Syrah und Mourvèdre, die etwas Schwung und Biss in die manchmal mollige Grenache bringen. Weil die drei quasi der Standard-Blend sind, kürzt man ihn auch mit den Anfangsbuchstaben der Sorten als GSM ab. 

Ausgebaut werden die Weine meist im großen gebrauchten Holzfass oder im Edelstahltank, um die Fruchtaromen nicht mit Röstnoten zu überdecken. So können die verschiedenen Nuancen in der Komposition brillieren. Zum Leidwesen von Genießern gehen dabei die Superstars der international gefeierten Weingüter aus Châteauneuf-du-Pape natürlich mit entsprechend hohen Preisen im dreistelligen Bereich einher. Zum Glück gibt es aber deutliche erschwinglichere Weine in den umliegenden Appellationen. Auch Rasteau, Gigondas, Côtes-du-Rhône und Côtes-du-Rhône Village bieten vielschichtige Grenache-Cuvées voller Kraft und Finesse! 

Rosé, Rosado, Raritäten

Rosé in verschiedenen Varianten
Macht auch optisch einiges her: Grenache als Rosé.

Die südliche Rhône kann aber noch mit einer weiteren Besonderheit punkten. Hier liegt auch eine der wenigen Appellationen Frankreichs, in der nur Rosé-Weine entstehen dürfen. Tavel. Erlaubt sind für die kräftig granatroten Rosé neben Grenache acht weitere Rebsorten wie Cinsault. Weil Grenache mit ihrer Fruchtpower ideal ist für Rosé-Weine, finden Sie sie auch in fast allen anderen Rhône-Appellationen. Für zartere Rosé lohnt sich ein Blick gen Süden: Von der Provence-Küste hauchen Rosé-Liebhabern hell lachsfarbene und fruchtig-leichte Varianten entgegen. Hier wird Grenache unterstützt von Cinsault oder Carignan. Auf der anderen Seite der Pyrenäen geraten die spanischen Rosados aus Garnacha farbintensiver. Aber auch in der Rioja und in der Navarra stehen sie ganz im Zeichen der verführerischen Beerenfrüchte.

Kommen wir zu einer echten Rarität. Dafür wechseln wir noch einmal auf die andere Seite der Pyrenäen. Nach Südfrankreich. Dort werden im Roussillon, Languedoc (zum Beispiel Corbières) und im Rhône-Tal nämlich einzigartige Süßweine gemacht. Die roten oder weißen Vins Doux Naturels, die im Glas wie flüssiges Bernstein sind und Noten von Quitten, Bitterorangenschalen und Walnuss verströmen. Ähnlich wie Port werden diese mit Weingeist gespritet. Eine der Hauptsorten für die roten Versionen ist dabei Grenache, die eine gaumenschmeichelnde Sanftheit beisteuert.

Grenache im Rest der Welt

Nun könnte man denken, dass die wärmeliebende Sorte ideal für alle Länder mit warmen bis heißem Klima ist. Tatsächlich konnte sie aber nur in wenigen Regionen richtig Fuß fassen. Allein Frankreich, Spanien und Italien haben 92 Prozent der weltweiten Rebflächen. Der Rest verteilt sich auf Länder am Mittelmeer, Australien und Kalifornien.

Im Golden State machte man aus ihr bis Anfang der 1990er-Jahre vor allem Massenweine. Ihr Schicksal war ähnlich wie in Spanien: man rodete und so halbierte sich die Fläche von 5.000 Hektar im Jahr 1994 auf 2.500 Hektar im Jahr 2012. Aber ebenfalls wie in Spanien entdeckte man das Potenzial der Sorte. Dafür importierten Winzer bessere Klone aus dem Priorat und Châteauneuf-du-Pape. Die Weine fielen auf und auch im nördlich gelegenen Washington State wandte man sich der Grenache zu, wenn auch auf weniger als 100 Hektar. An der Größe der Rebflächen hat sich damit nicht viel geändert: Heute sind in den Vereinigten Staaten 2.700 Hektar mit ihr bestockt.

Karte von Grenache, Garnache
Hier überall wird Grenache angebaut. © Wine in Black

Reisen wir ein paar Kontinente weiter. In Down Under war Grenache mal die häufigste angebaute rote Sorte. Auch hier hatte sie jedoch eher eine unrühmliche Karriere hinter sich: Alkoholstark wie sie war, kam sie zuhauf in gespritete Weine. Als das Interesse daran Ende der 1960er-Jahre abnahm, reduzierte sich auch ihr Anteil. Gab es Anfang der 1970er-Jahre noch 5.800 Hektar Rebflächen mit Grenache, belegt sie heute nur noch 1.500 Hektar. Allerdings gibt es vor allem im Barossa Valley und McLaren Vale wurzelechte Rebanlagen, die mit über 170 Jahre zu den ältesten der Welt gehören! Die Reblaus ward hier nämlich nie gesehen. Die Weine daraus sind konzentriert, rar und ein Hochgenuss für alle Grenache-Fans. 

Grenache: Als Cuvée oder reinsortig?

Die Gewächse in Australien sind auch sonst eine Besonderheit. Denn meist wird Grenache ja mit anderen Rebsorten ausgebaut. Stichwort besagter GSM-Blend aus Grenache, Syrah und Mourvèdre, den französische Winzer im südlichen Rhône-Tal über Jahrzehnte zu Kunstwerken verfeinert haben. Klar, dass man dieses Erfolgsrezept auch in anderen Ländern ausprobierte. Vor allem in Kalifornien, Washington State und Australien schwört man darauf, wenn es um Grenache geht. Allerdings gibt es in Down Under eben noch den Schatz an uralten Rebsorten. Genau aus denen werden dann reinsortige Gewächse gemacht, die mit viel roter Frucht und Würze betören. Hier gehört die Bühne Grenache allein!

Aber auch in der spanischen Navarra, im Priorat und in der Rioja gibt es engagierte Winzer, die von alten Rebstöcken intensiv-fruchtige Garnacha-Weine erzeugen. Und selbst im südlichen Rhône-Tal setzen mutige Winzer auf reinsortige Gewächse. Alles natürlich in aufwendigster Handarbeit und in limitierten Kleinstmengen, für die man mitunter gehörig Glück haben möchte, um eine dieser Kostbarkeiten genießen zu können. Wer das stilvollendet machen möchte, öffnet seine Flasche übrigens am dritten Freitag im September. Dann ist nämlich der internationale Grenache-Tag. Aber natürlich eignet sich auch jeder anderen Tag dafür, Grenache und Garnacha in allen Varianten zu erkunden!

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