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Bordeaux Frankreich

Weinlegenden aus dem Médoc

Es ist eine der schillerndsten Weinregionen der Welt: das Médoc im Bordeaux. Hier entstanden und entstehen legendäre Weine von den berühmtesten Weingütern weltweit. Entdecken Sie mit uns die aufregende Region.

Er war lange nichts weniger als der teuerste Wein aller Zeiten. Im Jahr 1985 reiste der amerikanische Verleger Malcolm Forbes mit einer Mission nach London. Er wollte beim renommierten Auktionshaus Sotheby’s eine Flasche Château Lafite-Rothschild von 1787 ersteigern - koste es, was es wolle. Denn Weine wie dieser von der Halbinsel Médoc gehörten damals bereits zu den besten und langlebigsten Weinperlen weltweit. Zusätzlich stammte diese Flasche aus dem Nachlass des - Achtung - dritten amerikanischen Präsidenten und Gründervaters Thomas Jefferson, erkennbar an der Flaschengravur "Th. J.". Für die älteste Demokratie der Welt und junge Nation USA also fast eine Reliquie. Und dennoch: Dass Forbes in einer preistreibenden Auktion schließlich 105.000 Britische Pfund zückte (das entspricht heute 115.000 Euro), stellte einen neuen Wein-Rekord auf. Alles nur wegen Thomas Jefferson?

Mitnichten, es liegt auch an der Qualität. Auch andere Weine aus der Region Médoc sind grandios, langlebig, lebendig trotz hohen Alters, rar und hoch begehrt. Sogar neue Erstweine anderer berühmter Châteaux aus der Region Médoc wie Haut-Brion oder Mouton-Rothschild, kommen gut und gerne ab 300 Euro aufwärts in den Handel. Pro Flasche versteht sich. Preise für ältere Jahrgänge von mehreren Tausend Euro sind keine Seltenheit. Warum aber sind die Médoc-Weine so verdammt teuer? Nähern wir uns zuerst dem sagenhaften Gebiet, denn da erfahren wir, dass es auch mit der Gegend selbst zu tun hat. 

Médoc: Halbinsel und Subregion

Die dreieckige Halbinsel Médoc befindet sich in der Weinregion Bordeaux, am linken Ufer des Flusses Gironde. Daher zählt man sie auch zum "Linken Ufer" von Bordeaux. Noch weiter links brandet der Atlantik an die Halbinsel, deren Landschaft sich weiträumig und - bis auf Europas höchste Sanddüne Dune du Pilat - unauffällig gibt. Kiefernwälder und Sand wechseln sich ab. Auf der Halbinsel liegen acht Appellationen, darunter die gleichnamige Subregion Médoc ganz im Norden mit ca. 5.600 Hektar und die südlich daran anschließende Subregion Haut-Médoc mit ca. 4.600 Hektar. 

Das Médoc mit seinen verschiedenen Appellationen.
Das Médoc geographisch. © Wine in Black

Médoc ist also nicht gleich Médoc, es ist der Name für die Halbinsel, die Großregion und genauso für die nördlichste ihrer Appellationen. Diese Appellation hieß früher "Bas-Médoc" - "unteres" Médoc - weil die Weinberge tiefer liegen als weiter südlich. Weil es aber auch "untergeordnet" heißen kann und man sich mit den Weinen aus dem südlich angrenzenden Haut-Médoc auf Augenhöhe sehen wollte, wurde es meist nur Médoc genannt. Und tatsächlich befinden sich die Châteaux mit den schillernden Namen südlich, im Haut-Médoc, dem "hohen Médoc". Es ist also nicht verwunderlich, dass im Bas-Médoc lieber von Médoc gesprochen wird, um nicht ständig daran erinnert zu werden, dass der Nachbar die besseren Weine macht. Schauen wir uns das besondere Terroir auf der Halbinsel an.

Terroir im Médoc

Aufgrund der Nähe zum Atlantik und zum breiten Mündungstrichter der Gironde herrscht in der Großregion Médoc ein sehr mildes und ausgewogenes Klima. Die vielen Sonnenstunden und eine starke Lichtreflexion durch die großen Wasserflächen verstärken den Effekt. Man sagt, dass diejenigen Weingärten die besten sind, die das Wasser sehen. Zusätzlich schützen die Kiefernwälder vor Atlantikstürmen. Und auch die Böden sorgen dafür, dass die dunklen Rebsorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc, Petit Verdot und Malbec hervorragend ausreifen. Ein Grund, warum fast nur Rotweine vinifiziert werden. 

Merlot-Trauben reifen am Rebstock.
Weinbergsidyll: Merlot-Trauben im Sonnenlicht.

Kurz zusammengefasst prägen Flussterrassen mit Kiesablagerungen die Böden auf der Halbinsel Médoc. Die leichteren Kiesböden sind optimal für Cabernet Sauvignon. Der tiefere Untergrund ist von Kalkstein geprägt. Die an der Oberfläche liegenden hellen, glatt geschliffenen Kieseln sorgen für eine gute Drainage und reflektieren darüber hinaus ebenfalls Sonnenschein und Wärme. An vielen Stellen sind die Kieselsteine von Sand und Lehm durchsetzt und ergeben schwerere, tonhaltige Böden - ideal für Merlot. Diese dominieren im Médoc. Im Haut-Médoc finden sich hauptsächlich kieshaltige Böden - ideal für Cabernet. Und so sind die Weine der beiden Nachbarn.

Weine aus dem Médoc und Haut-Médoc

Die Weine aus der nördlichsten Appellation Médoc sind von guter Qualität, aber für die Gesamtregion Médoc eher untypisch, weil sie einen relativ hohen Merlot-Anteil aufweisen. Die Weine offerieren ein Bouquet aus Pflaumen und Cassis, haben weniger Tannine als die Nachbarn weiter südlich und wirken durch einen höheren Alkoholgehalt fülliger. Sie können früher genossen werden (ab fünf Jahren nach der Lese) und sind geschmeidiger. Weil die folgenden Weine aus dem Haut-Médoc größere stilistische Unterschiede aufweisen, erhalten sie hier etwas mehr Raum.

Die Rotweine im Haut-Médoc haben einen ganz eigenen Charakter und sind fast immer von sehr hoher Qualität. Sie werden aus den verschiedenen dunklen Rebsorten kunstvoll assembliert. Dabei ist Cabernet Sauvignon die Hauptzutat (die in Einzelfällen bis zu 80 Prozent betragen kann), komplettiert durch geringere Anteile an Merlot, Cabernet Franc, Malbec und Petit Verdot. Der Charakter der Weine aus dem Haut-Médoc ist eindeutig von Cabernet Sauvignon geprägt: Aromen von Cassis, Minze und Zedernholz sind ebenso typisch wie die ausgeprägte Tanninstruktur und die lange Alterungsfähigkeit. Man sagt, dass die guten Weine bis zu 20 Jahre reifen sollen, bevor sie genussfertig sind. Innerhalb der Appellation gibt es weitere kleinere Lokal-Appellationen, die weltweit bekannt sind und die wir hier vorstellen. 

Alte Weinflaschen lagern in einem verstaubten Keller.
Harren seit Jahren aus und werden immer besser: Weine aus dem Haut-Médoc.

Die legendären Gemeinden im Haut-Médoc

Im Haut-Médoc reihen sich weltberühmte Appellationen wie Perlen aneinander: von Nord nach Süd gesehen sind das Saint-Estèphe, Pauillac, Saint-Julien, Listrac, Moulis und Margaux. Klangvolle Namen dieser sehr kleinen und meist nach einem Städtchen oder Dorf benannten Gebiete. In deren Weinbergen liegen die prestigeträchtigsten Châteaux des Bordelais. Manche von ihnen haben ein echtes Schloss und sorgen so als Glanz und Gloria des Médoc für einen schnelleren Puls bei Weinliebhabern und vinophilen Reisenden. Denn hören Sie Weinkenner ehrfürchtig Médoc sagen, meinen sie meist Pauillac, Margaux, Saint-Estèphe und Saint-Julien. Kein Wunder, denn die berühmtesten Châteaux residieren genau in diesen vier Regionen:

  • Saint-Estèphe: Bringt tanninbetonte, dichte, erdige Weine voller Körper hervor. Sie sind unglaublich langlebig mit einem höheren Weinsäure-Anteil als die anderen Regionen im Haut-Médoc. Ein typischer Wein kommt von Château Montrose.  
  • Pauillac: Ist die Star-Appellation schlechthin, schließlich sind hier die drei Premiers Crus Châteaux Lafite-Rothschild, Latour und Mouton-Rothschild zuhause. Die Weine sind besonders dicht, kraftvoll, tanninbetont und langlebig, mit ausgeprägten Aromen von Cassis und Zedern.
  • Saint-Julien: Die Weine sind stilistisch zwischen den voluminösen Pauillac-Weinen und den eleganten Margaux-Weinen angesiedelt. Sie sind gleichzeitig dicht, aromatisch und elegant, oft mit Zedernaroma. Typisch sind die Weine von Château Ducru-Beaucaillou. 
  • Margaux: Kaum eine andere Bordelaiser Appellation steht für derart finessenreiche und elegante Weine wie Margaux. Château Margaux ist eines der berühmtesten Weingüter des Bordeaux-Gebiets. Ein typischer Margaux-Wein kommt vom Nachbarn Château Palmer. 
historischer Brunnen in Pauillac
Wirkt hier ganz irdisch: das verschlafene Pauillac, Heimat himmlischer Weine.

Grands Crus Classés: Der Tradition von 1855 verpflichtet

Ein weiterer Grund für die Besonderheit der Weine liegt in der Klassifizierung der Châteaux. Denn viele von ihnen haben einen der raren Titel als Grands Crus Classés. Das spezielle Klassifikationssystem wurde 1855 anlässlich der Pariser Weltausstellung eingeführt - allerdings nur für die Subregion Médoc und einige Gebiete in den Bordelaiser Graves. Damals brachte man die Spitzen-Weingüter zur besseren Orientierung in eine strikte Hierarchie, auch bekannt als noch heute gültige Bordeaux-Klassifizierung. Interessanterweise wurde nicht aufwändig Wein verkostet, sondern anhand der Bekanntheit der Châteaux und der Preise ihrer Weine eingeteilt. Je bekannter und teurer, desto besser die Einstufung.

61 Weingüter aus dem Médoc wurden in eine der fünf Grands Crus Classés-Stufen, also Große klassifizierte Gewächse, oder kurz Crus, eingeteilt. Das System beginnt mit dem Cinquièmes Grands Crus Classés und geht bis zur besten Stufe der Premiers Grands Crus Classés. Anstatt der langen Namen können Sie auch kurz Premiers Crus oder Erste Gewächse sagen. 

An der Spitze ist die Luft bekanntlich dünn: lediglich fünf von 61 Weingütern sind Premier Crus. Und ganze vier davon befinden sich im Médoc! Und ja, wir verraten Ihnen diese. Es sind: 

  • in Margaux das Château Margaux sowie 
  • in Pauillac die Châteaux Lafite-Rothschild, Latour und Mouton Rothschild. 
  • Château Haut-Brion ist das einzige, das nicht aus dem Médoc stammt, es befindet sich südlich von Bordeaux in der Appellation Graves. 
Châteaux Margaux mit Vorderansicht in der gleichnamigen Appellation.
Legendär: Châteaux Margaux in der Appellation Margaux.

Die Klassifizierung im Laufe der Zeit

Eine kleine Einschränkung ist zu machen: die Einteilung ist historisch und wurde seit 1855 kaum verändert. Ein Auf- oder Abstieg ist nicht vorgesehen. Änderungen in der Qualität oder in der Rebfläche des Château haben keine Auswirkungen auf das System. Lediglich eine Ausnahme gab es innerhalb der Geschichte dieser Klassifizierung. Nach einem langwierigen, 50-jährigen Rechtsstreit gelang es Baron Philippe de Rothschild 1973, mit seinem Weingut von einem Zweiten Gewächs zu einem Ersten Gewächs aufzusteigen. Berühmt ist das Zitat des Barons, das seine selbstbewusste Haltung zeigt: "Erster kann ich nicht sein, Zweiter mag ich nicht sein, Mouton bin ich." Natürlich wurde das Zitat mit der Hochstufung angepasst: "Erster bin ich, Zweiter war ich, Mouton bleibe ich."

Wenn sich aber Änderungen nicht in der Hierarchie abbilden, warum ist sie dann heute noch so wichtig? Nun ja: Tradition verpflichtet. Die Klassifizierung ist Teil des französischen Kulturbewusstseins, kein Château möchte ernsthaft die Qualität (und die Preise) runterschrauben. Wussten Sie, dass Weingüter der Premiers Crus nur an französische Staatsbürger verkauft werden dürfen? Sie können also beruhigt davon ausgehen, dass die Qualität aller Crus bemerkenswert ist, einige sind sogar besser als es in der Hierarchie vermerkt ist. So gilt zum Beispiel das Fünfte Gewächs Château Lynch-Bages als höherwertiger als andere Fünfte Gewächse. Und das Zweite Gewächs Château Léoville-Las-Cases würde es Weinexperten nach leicht in die erste Liga schaffen. So erhielt die 1986er-Edition von Château Léoville-Las-Cases die rare Höchstnote von 100 Punkten von Weinkritiker Robert Parker. 

Grundlage für Grand Cru-Weine im Haut-Médoc: Cabernet Sauvignon.

So erkennen Sie die Weine am Etikett

Rufen wir uns nochmal die Regionen in Erinnerung. Sie haben auf der Flasche entweder die Angabe Médoc oder Haut-Médoc. Dann wissen Sie, aus welcher Gegend die Weine kommen und welche Rebsorte dominiert. Médoc ist ein merlotbasierter Wein, der eher jung zu trinken ist. Die Weine mit dem Aufdruck Haut-Médoc kommen aus dem südlicheren Teil und sind cabernetbasiert. Weine mit diesem Aufdruck kommen jedoch nicht aus den kleineren Gemeinden wie Saint-Estèphe, Pauillac, Saint-Julien oder Margaux. Diese sind höherwertig und natürlich werden Sie die Namen der Gemeinden direkt auf dem Etikett finden. Es sei denn, das Weingut kombiniert Rebsorten, die in der Appellation nicht erlaubt sind.

Ein Beispiel: Obwohl Pauillac zur Großregion Médoc gehört, und von der Subregion Haut-Médoc umschlossen wird, zählt es als eigenständige Appellation mit höherem Renommee und Preisen. Jedes Weingut, dass Pauillac verwenden darf, wird das also auch aufs Etikett drucken. Diese Lokal-Appellationen erscheinen meist ohne die Angabe Haut-Médoc oder Bordeaux, denn es wird vorausgesetzt, dass Sie geographisch bewandert sind. 

Die Route des Châteaux im Médoc mit einer Kirche und Weinbergen.
Führt Sie von Weingut zu Weingut und durch die Appellationen: die Route des Châteaux.

Zusätzlich können Sie bei den Lokal-Appellationen wie Pauillac noch die Angabe der Crus finden, wenn das Weingut als Crus klassifiziert ist. Ein Spitzenwein aus dem Pauillac könnte so aussehen: "Premier Grand Cru Classé Pauillac". Ein Wein aus einer niedrigeren Stufe könnte so aussehen: "Cinquième Cru Classé Pauillac", in diesem Fall wird das Weingut vermutlich nur "Grand Cru Classé Pauillac" angeben. Auch hier wird erwartet, dass Sie wissen, in welcher Qualitätsstufe Sie sich gerade befinden. Da die Einteilung der Grands Crus Classés von 1855 wie gesagt eine historische ist, lohnt es sich, das Weingut zu recherchieren. Grundsätzlich können Sie aber davon ausgehen, dass alle Grands Crus Spitzenweine sind. Die Frage ist eher, ob Sie bereit sind, den Preis dafür zu zahlen und ob Sie eine Flasche ergattern können. Einen günstigeren Einstieg in die faszinierende Welt der Médoc-Weine bieten die Cru Bourgeois. 

Cru Bourgeois

Unterhalb der Grands Crus Classés gibt es noch die Gruppe der sogenannten Cru Bourgeois, also der "Bürgerlichen Gewächse". Das ist eine Klassifizierung, die 1932 erstellt wurde und für alle Weingüter aus der Großregion Médoc ist. Dafür werden seit einigen Jahren die Weine bewertet - und nicht die Weingüter. Cru Bourgeois sind kraftvolle, trockene Rotweine mit viel Tannin. Alle Weine aus der Großregion Médoc können sich als Cru Bourgeois klassifizieren. Auf dem Etikett finden Sie etwa die Bezeichnung "Cru Bourgeois Médoc" oder "Cru Bourgeois Haut-Médoc". Auch Weine aus den Lokal-Appellationen können als Cru Bourgeois klassifiziert werden, so etwa als "Cru Bourgeois Saint-Estèphe".

Seit 2010 werden die Auserwählten jährlich im September verkündet. Die Weine stammen von etwa 240 bis 260 Weingütern. Alle diese Weine sind von sehr guter Qualität und deutlich erschwinglicher als die Großen Gewächse. Zudem sind sie früher trinkbereit. Und während die großen Cru-Ikonen am besten solo zur Geltung kommen, sind Cru Bourgeois gute Essensbegleiter. Wenn Sie es mit etwas Regionalem versuchen wollen, probieren Sie das berühmte Pauillac-Lamm aus dem Médoc oder das Bazas-Rind von den Ufern der Garonne. Ganz unabhängig davon, wo genau Sie Ihre Reise beginnen: Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Erkunden des Médoc. Santé!

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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