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Sangiovese: Italienischer Reben-Star

Knapp zehn Prozent der Rebflächen in Italien sind mit Sangiovese bestockt. Kaum ein Wein aus der Toskana kommt ohne diese rote Rebsorte aus. Schauen wir uns mal an, warum Sangiovese derart beliebt ist.

Wenn man die Winzer in der Toskana fragt, woher die rote Rebsorte Sangiovese ursprünglich kommt, dann lautet die Antwort in der Regel: "Na, von hier!" Denn hier ist sie die Leitrebsorte schlechthin. Ob nun Chianti, Chianti Classico, Brunello di Montalcino oder Vino Nobile di Montepulciano - in all diesen großen Toskana-Weinen ist Sangiovese drin. Ja, selbst in den Supertuscans lässt sich die Rebsorte nach wie vor finden. Die toskanischen Winzer haben also wahrscheinlich Recht. Nur leider lässt sich das nicht beweisen. Denn die Ursprünge liegen tatsächlich ebenso im Dunkeln wie die Abstammung. Fest steht, dass Sangiovese Ende des 16. Jahrhunderts das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Und zwar in der Toskana. Aber bereits die Etrusker sollen vor 2.500 Jahren schon eine Sangiovese-Spielart kultiviert haben. Ebenso wie die Römer. Darauf lässt auch der Name schließen. Denn übersetzt bedeutet Sangiovese "Blut Jupiters". Womit man eine Verbindung zu den Römern herleiten kann.

Was aber nach wie vor komplett unbekannt ist, ist die Abstammung der Rebsorte. Und das trotz einer fast schon ausufernden genetischen Forschung! 2004 hieß es, dass Sangiovese eine Kreuzung der roten Sorten Ciliegiolo und Calabrese di Montenuovo sei. Bis man herausfand, dass Ciliegiolo eine Tochter-Rebe von Sangiovese ist. Die Verwirrung war komplett, als es 2007, 2010 und 2012 weitere Forschungsergebnisse gab, die sich allesamt widersprachen. Da kann man mit Fug und Recht behaupten: Herkunft unbekannt.

Reife Sangiovese-Trauben an einem Rebstock.
Sangiovese mag in der Toskana zuhause sein, die Herkunft der Rebsorte ist allerdings unbekannt.

Eine Rebsorte, viele Namen

Generell gibt es um Sangiovese viel Verwirrung. Die Rebsorte neigt nämlich leicht zu Mutationen. Noch vor ein paar Jahrzehnten dachte man zum Beispiel, dass Rebsorten wie Brunello oder Prugno Gentile oder auch Morellino mit Sangiovese verwandt wären. Inzwischen haben genetische Untersuchungen ergeben: Nein, das ist alles samt und sonders Sangiovese pur! Eine Unterteilung wird offiziell nicht mehr gemacht. Selbst die hartnäckigsten nostalgischen Winzer aus dem südtoskanischen Montalcino geben bei ihrem Brunello jetzt Sangiovese als Rebsorte an - und eben nicht mehr Brunello. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wobei Sangiovese bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ganz ohne Genetik Verwirrung stiftete. Denn während die Rebsorte rund um Montalcino zu großen Beeren neigte, waren eben diese andernorts eher kleiner. Der Botaniker Girolamo Molon unterteilte die beiden (scheinbaren) Unterarten deswegen 1906 in Sangiovese Grosso (große Beeren) und Sangiovese Piccolo (kleine Beeren). Aber auch das wurde inzwischen ad acta gelegt. Denn als man einige Sangiovese Piccolo-Rebstöcke in Montalcino pflanzte, wurden die Beeren Jahr für Jahr größer. Bis sie von denen der Sangiovese Grosso-Reben nicht mehr zu unterscheiden waren. Letztlich lieferte hier dann die Genetik nicht noch mehr Unsicherheit, sondern endlich mal eine Bestätigung: Grosso und Piccolo haben eine identische DNA.

Weinberge in Montalcino.
Rund um Montalcino bildet Sangiovese große Beeren aus.

Merkmale von Sangiovese

Dass die Beerengröße von Region zu Region derart variieren kann, liegt an der Rebsorte selbst. Denn Sangiovese passt sich leicht unterschiedlichen Böden an. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Beerengröße, sondern auch auf den Geschmack. Wenn der Boden etwa sehr kalkhaltig ist, wie zum Beispiel rund um Montalcino, werden die Beeren größer, während die Aromen eleganter und kräftiger sind. Also genau das, was einen Brunello di Montalcino auszeichnet. Es ist übrigens der einzige Wein, von dem die DOCG-Statuten (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) verlangen, dass er zu 100 Prozent aus Sangiovese besteht. Chianti, Chianti Classico und der Vino Nobile di Montepulciano sowie dessen kleiner Bruder Rosso di Montepulciano können, müssen aber kein reinsortiger Sangiovese sein.

Einer der Gründe, warum das so ist: Sangiovese gehört zu den spätreifen Rebsorten. Während in der Toskana schon alle anderen Trauben im Keller sind, kann Sangiovese erst Mitte bis Ende Oktober gelesen werden. Selbst in der sonst warmen und sonnigen Toskana kann es da schon sehr verregnet und kühler sein. Solch ein typisches Herbstschmuddelwetter macht es Rebkrankheiten natürlich einfacher, sich in den Weinbergen auszubreiten. Und da die Sangiovese-Beeren recht dünnhäutig sind, können Pilze und Bakterien leicht großen Schaden anrichten. Um dem zu entgehen, ernten viele Winzer ihre Trauben dann eben auch unreif. Das wiederum hat zur Folge, dass der Wein im Zweifelsfall sauer schmeckt. Gibt man zum Beispiel einen gehörigen Schuss Cabernet Sauvignon (der bevorzugte Cuvée-Partner für Sangiovese) mit hinein, fängt die Cabernet-Süße einige dieser sauren Noten auf.

So schmeckt Sangiovese

Inzwischen wird Sangiovese aber bei Weitem nicht mehr so stark mit anderen Rebsorten wie eben Cabernet Sauvignon oder Merlot verschnitten wie noch in den 1960er- oder 1970er-Jahren. Ganz einfach, weil die Qualität immens gestiegen ist. Sangiovese ist eine Rebsorte, die leicht wuchert und sich sehr schnell ausbreitet, wenn man sie lässt. Die Folge: eine weniger intensive Aromatik mit leicht säuerlichem Touch. Strenge Ertragsreduktion und Selektion können dem entgegenwirken. Dann entfaltet Sangiovese auch seine ganze aromatische Strahlkraft: die Nase wird zumeist von einer feinen Kirschfrucht dominiert. Auch Nuancen von Pflaumen sind typisch für die Rebsorte. In einigen Gegenden der Toskana kommen dann noch erdige Noten und Tabak hinzu. Je nachdem eben, wie die Bodenbeschaffenheit so ist.

Am Gaumen ist ein Sangiovese-Wein eher schlank. Genießt man ihn zum ersten Mal, ist das für einige Menschen recht überraschend. Schließlich ist die Farbe in der Regel von einem tiefdunklen Granatrot geprägt. Das verdankt der Wein der sehr dunkelblauen Beerenhaut. Da diese aber eben auch sehr dünn ist, kommen nicht ganz so viele Gerbstoffe in den Wein. Wobei die Tannine natürlich deutlich schmeckbar sind. Sie bestechen eher durch eine schlanke Sehnigkeit denn samtiges Volumen.

Lassen Sie sich dadurch nicht täuschen! Diese sehnigen Tannine sind echte Langstreckenläufer. Ein Brunello kann ohne Probleme 20 Jahre reifen - und altert dabei in großer Würde. Und auch einem Vino Nobile oder einem Chianti Classico - vor allem in der höchsten Ausbaustufe als Gran Selezione - ist ein Leben von fünf bis 20 Jahren gegeben. Wobei diese auch schon in jungen Jahren sehr viel Freude im Glas machen können. Ein Brunello sollte man tatsächlich noch ein paar Jährchen liegen lassen. Oder mehrere Stunden vor dem Genuss karaffieren.

Leere Rotweinflaschen auf einem Holzregal an einer Hausfassade.
Vom Vino Nobile über den Brunello: Sangiovese wird für viele unterschiedliche Weine verwendet.

Sangiovese und der Rest der Welt

Bis jetzt ist nur von Weinen aus der Toskana die Rede gewesen. Aus gutem Grund. Denn wie anfangs erwähnt, hat die Rebsorte hier wahrscheinlich ihren Ursprung - und ist auch nach wie vor die Leitsorte schlechthin. Aber auch in anderen italienischen Weinregionen findet man die Rebsorte. Zum Beispiel in Apulien, Umbrien und der Emilia-Romagna. Im Jahr 1990 waren in Italien sage und schreibe 100.000 Hektar mit Sangiovese bestockt. Die Größe ist inzwischen auf 72.000 Hektar geschrumpft. Was nichts daran ändert, dass das fast zehn Prozent der gesamten Rebfläche des Landes ist. Und ein Großteil davon findet sich nun mal in der Toskana.

Aber Sangiovese findet sich auch im Rest der Welt - italienischen Auswanderern sei dank. Auf der französischen Insel Korsika ist die Rebsorte ebenso beheimatet wie im argentinischen Mendoza, in Chile oder im McLaren Vale in Australien. Ja, selbst in Rumänien, Tunesien oder Äthiopien gedeiht sie. Zusammen kommen all die Länder auf etwa 6.000 Hektar Rebfläche. Die Qualitäten können recht unterschiedlich sein, wenn nicht auf Ertragsreduktion und Selektion geachtet wird. Eins der spannendsten Projekte außerhalb Italiens hat der Kult-Winzer Charles Smith in Washington State ins Leben gerufen. Unter dem Label 'CasaSmith' konzentriert sich der ehemalige Rockband-Manager komplett auf italienische Rebsorten - und Sangiovese bildet das Herzstück dieses Projekts.

Weltkarte, die alle Länder zeigt, wo die Rebsorte Sangiovese wächst
Kleine Übersicht: Hier gedeiht überall Sangiovese. © Wine in Black

Epizentrum: Toskana

Freilich sind die Übersee-Weine nicht ganz vergleichbar mit denen aus der Toskana. Zum einen, weil das Klima doch ein wenig anders ist. Zum anderen, weil die toskanischen Böden und Sangiovese einfach zusammen zu gehören scheinen. Nur hier entfalten die kirschigen und feinen Aromen ihre ganze Strahlkraft - und das auch noch auf höchst unterschiedliche Weise. Ein Brunello ist nicht mit einem reinsortigen Chianti oder Vino Nobile vergleichbar. Es ist diese immense Geschmacksdiversität, die diese Rebsorte ebenso auszeichnet wie interessant macht. Als Weinliebhaber kann man hier auf eine schier unendliche Entdeckungsreise gehen.

Hinzu kommt, dass große und renommierte Weingüter wie etwa das Castello Banfi seit Jahren eine intensive Sangiovese-Forschung betreiben. In aufwändiger Detailarbeit wurden neue Klone gezüchtet und auf den verschiedenen Bodenarten gepflanzt, um herauszufinden, welcher Klon am besten zu welchem Boden passt. Und genau diese Klone werden inzwischen nicht nur in Montalcino, sondern in der ganzen Toskana genutzt, um faszinierende Einzellagen-Weine von hoher oder gar höchster Qualität zu vinifizieren. Dieses Streben, das Beste aus den Trauben durch akribische Forschung und Weinbergsarbeit herauszukitzeln, macht Sangiovese aus der Toskana tatsächlich einzigartig - und zur Wahlheimat dieser vielseitigen Rebsorte.

Nicole Korzonnek

Von Nicole Korzonnek

Früher vor allem im Kulturjournalismus zuhause, begeistert sich Nicole Korzonnek nicht erst seit dem obligatorischen Pausen-Sekt im Theaterfoyer für Wein. Neben Theaterkritiken für die FAZ und Artikel für diverse Kulturformate brachte sie ihr journalistischer Weg über die Jahre immer mehr in Richtung Wein. Ob nun mit einem eigenen Blog oder eben als Copywriterin & Chief Editor Wine Magazine bei Wine in Black, wo sie die Geschichten hinter den Weinen entdeckt und dann auch begeisternd erzählt.

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