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Vino Nobile di Montepulciano: Wein-Star aus der Toskana

Er hat stilistische Glaubenskriege überstanden und ist einer der großen italienischen Export-Schlager. Die Rede ist vom Vino Nobile di Montepulciano. Wir stellen Ihnen den berühmten Rotwein genauer vor.

In den engen und gewundenen Gassen des beschaulichen Städtchens Montepulciano, ist die Geschichte der mittelitalienischen Region mit jedem Schritt spürbar. 120 Kilometer südöstlich von Florenz ließen sich hier bereits 715 vor Christus die Etrusker in den sanften Hügeln der Toskana nieder. Wahrscheinlich pflanzten sie damals auch schon die ersten Reben. Urkundlich belegt ist der Weinbau rund um Montepulciano allerdings erst seit 789. Nach Christus. Damals wurde freilich noch nicht der berühmte "edle Wein", der Vino Nobile di Montepulciano, dort bereitet. Es waren - wie überall zu dieser Zeit - schlichte Tafelweine aus unbekannter Traubenherkunft, die eher den Durst stillen denn Genuss bereiten sollten.

Doch im Laufe der nächsten Jahrhunderte stieg die Qualität der Weine aus Montepulciano stetig an. Nicht zuletzt, weil die Bewohner immer häufiger darauf verzichteten, Sorten wild durcheinander wachsen zu lassen und stattdessen gezielt auf den Anbau der roten Rebsorte Sangiovese setzten, die hier auch Prugnolo Gentile heißt. Diese fühlt sich auf den Galestro- und Sandtuffsteinböden besonders wohl. Und das konnte man dann eben auch schon recht früh schmecken. So lobte etwa der Kellermeister von Papst Paul III. den "König der Weine" aus Montepulciano. Das war im Jahr 1685. Es dauerte aber noch gut 100 weitere Jahre, bis dieser Wein das erste Mal Vino Nobile di Montepulciano genannt wurde. Nämlich 1787 auf einer Spesenabrechnung von Giovan Filippo Neri, der ihn während seiner Geschäftsreise nach Siena genoss. Wichtig für die Geschichte war Neri übrigens nicht. Was aber nichts daran ändert, dass auf seinem Dokument der Name erstmals auftauchte.

Blaue Weintrauben an einem Rebstock in Nahaufnahme
Auf den Galestro- und Sandtuffsteinböden rund um Montepulciano fühlt sich die Rebsorte Sangiovese sehr wohl.

Vergessene Kostbarkeit: Vino Nobile de Montepulciano

Nun könnte man meinen, dass dem Vino Nobile di Montepulciano im 18. Jahrhundert eine große Zukunft bevorstand. Schließlich wurde er vor allem von den Reichen und Edlen in und um Montepulciano getrunken. Und kam so zu seinem Namen. Dem war aber nicht so. Damals gab es für den "edlen Wein", nämlich noch keine festen Regeln. Jeder Winzer konnte dementsprechend reintun, was er wollte. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch noch kein Marketing gab. Es wurde zwar immer wieder mal vom Vino Nobile di Montepulciano gesprochen und geschrieben, aber er war vom heutigen Glanz noch sehr weit entfernt und geriet irgendwann in Vergessenheit. Das änderte sich erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Und zwar mit einem kleinen Paukenschlag.

Zwar gab es bis Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder das ein oder andere Weingut, das Vino Nobile di Montepulciano auf das Etikett schrieb. Aber bis Mitte der 1960er-Jahre wurde dieser Wein gerade einmal von einer handvoll Winzer bereitet. Doch 1966 war das Schicksalsjahr für die Gemeinde Montepulciano. Denn damals führte man in Italien die kontrollierten Ursprungsbezeichnungen ein. Vino Nobile di Montepulciano wurde die erste DOC (Denominazione di Origine Controllata) des Landes. Was folgte, war eine wahnsinnig rasche Entwicklung. Und die schauen wir uns jetzt mal genauer an.

Luftaufnahme der Region Vino Nobile di Montepulciano in der Toskana.
Vino Nobile di Montepulciano war der erste Bereich mit kontrollierter Ursprungsbezeichnung.

Vino Nobile di Montepulciano auf dem Weg zum Ruhm

Mit dem DOC-Status kamen auch endlich verbindliche Produktionsregeln für den Vino Nobile nach Montepulciano. So musste der Sangiovese-Anteil mindestens 80 Prozent betragen. Zudem wurde ein Rebsorten-Katalog erarbeitet, der festlegte, welche weiteren Trauben hineinkommen durften. Zum Beispiel Canaiolo, Ciliegiolo oder Mammolo auf der roten oder Trebbiano und Malvasia Bianca Lunga auf der weißen Seite. Denn ja, nach wie vor dürfen fünf Prozent weiße Rebsorten dabei sein, die für den Extrakick an Frische sorgen. Hinzu kamen weitere Regularien. Zum Beispiel, dass die Trauben nur von den Hängen auf 250 bis 580 Meter Höhe kommen dürfen. Und dass der Wein mindestens ein Jahr lang im Holzfass und ein weiteres auf der Flasche reifen muss (die Riserva-Variante zwei).

Strenge Vorgaben also. Trotzdem boomte der Vino Nobile di Montepulciano. Gab es rund um das Städtchen im Jahr 1970 gerade einmal 150 Hektar Rebfläche und sieben Vino Nobile-Erzeuger, sind es inzwischen über 1.300 Hektar und etwa 250 Weingüter. Was unter anderem aber auch daran liegt, dass die Gemeinde Montepulciano 1980 den DOCG-Status erhielt. Denominazione di Origine Controllata e Garantita - mehr Herkunftsgarantie geht in Italien nicht. Willkommen in der Königsklasse! Was zu diesem DOCG-Status nicht dazu zählt: die Trauben, die in den Tälern des Gebiets gedeihen. Das ist aber nicht weiter schlimm. Denn sie bilden die Basis für den leichteren und jung zu genießenden Rosso di Montepulciano. Außerdem können sie noch die Basis für einen anderen Wein bilden. Denn die DOCG Vino Nobile di Montepulciano liegt mitten in der Chianti-Subregion Colli Senesi. Es darf damit also sogar noch ein Chianti produziert werden.

Alter Weinkeller mit großen Eichenfässern
Ein Vino Nobile di Montepulciano muss mindestens ein Jahr lang im Holzfass reifen.

Geschmacksprofil eines Vino Nobile di Montepulciano

Wenden wir uns jetzt aber endlich mal einer wichtigen Frage zu! Wie schmeckt denn dieser "edle Wein" aus Montepulciano? Er ist meist sehr elegant, hat einen mittleren Körper und glänzt mit Kirsch-, Brombeer- und auch Tabakaromen. Bei der Riserva kommt dann noch ein stärkeres Tanningerüst hinzu. Stilistisch gesehen liegt ein Vino Nobile di Montepulciano zwischen einem Chianti Classico und einem Brunello di Montalcino und kombiniert die Eleganz des ersten mit der festen Struktur des letzteren. Aufgrund der schweren, kühlen Ton- und Sandböden, die zu einem strengen, muskulösen Sangiovese führen, der ein Flaschenalter erfordert, ist die Farbe besonders tief.

Auch in Sachen Lagerfähigkeit liegt der Vino Nobile genau zwischen Chianti und Brunello. Man kann ihn jung genießen oder aber gerne auch mehrere Jahre liegen lassen. Durch die Flaschenreife entwickeln sich dann noch erdige Töne von Moos und Laub, während die Kirschfrucht etwas zurückgeht. Für eine kleine Ewigkeit ist der Vino Nobile di Montepulciano indes nicht unbedingt gedacht. Diese Rolle gehört dem Brunello, der als einziger Wein aus der Toskana zu einhundert Prozent aus Sangiovese bestehen muss. Diese Vorgabe haben sich auch viele Montepulciano-Winzer gewünscht. Aber eine Gruppe mit anderen Interessen setzte sich durch. Was uns nahtlos zum stilistischen Glaubenskrieg um den Vino Nobile bringt.

Zwei Weingläser mit Rotwein auf einem Tisch, auf dem sich Sonnenstrahlen brechen
Glänzt mit Kirsch- und Tabaknoten: Vino Nobile di Montepulciano.

Neue DOCG-Statuten für Montepulciano

Um die Jahrtausendwende kam es unter den Winzern zu einer gewissen Unruhe. Während die einen forderten, dass ein Vino Nobile bitte ausschließlich Sangiovese enthalten soll, wollten die anderen die 80 Prozent Sangiovese auf 70 Prozent reduzieren. Damit aber nicht genug! Sie verlangten nämlich auch, internationale Rebsorten wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah für den Vino Nobile di Montepulciano zuzulassen. Traditionalisten und Modernisten redeten sich die Köpfe heiß, stritten um die Geschmacksidentität des Weins und diskutierten wild über Marketing und Exportmöglichkeiten. Im Jahr 2009 griff das Konsortium Vino Nobile di Montepulciano dann endlich ein. Die Modernisten siegten. Seit 2010 braucht ein Vino Nobile laut den neuen DOCG-Statuten nur 70 Prozent Sangiovese zu haben. Und auch die internationalen Rebsorten sind seitdem als Verschnittpartner erlaubt.

Diese Änderung führte dazu, dass es in Montepulciano jetzt zwei Stilistiken gibt. Die Traditionalisten verwenden entweder nur Sangiovese oder vermählen ihn mit einem kleinen Anteil der roten Rebsorte Canaiolo. Sie bauen ihre Weine außerdem in großen Fässern aus slawonischer Eiche aus. Die so entstandenen Kreszenzen brauchen in der Regel eine längere Reifezeit, um zugänglich zu werden. Die Modernisten verschneiden den Sangiovese gerne mit internationalen Rebsorten, um dem Wein mehr Körper zu verleihen. Ist Merlot mit im Spiel, dann ist der Wein auch früher zugänglich. Außerdem kommt beim Ausbau fast ausschließlich neue französische Eiche zum Einsatz.

Mit dem Jahrgang 2020 wurde ein detailliertes Appellationssystem für die DOCG eingeführt. Diese hat jetzt 12 Subzonen - sogenannte Pievis. Pievi ist dabei ein altertümliches Wort für Gemeinde. Die Vino Nobile, die die Gemeindeappellation auf dem Etikett tragen dürfen, bestehen hauptsächlich aus Sangiovese. Nur ein minimaler Anteil an heimischen roten Rebsorten wie Mammolo oder Ciliegiolo sind erlaubt. In Sachen Qualität kehrt man also auch ganz offiziell zur traditionellen Bereitung zurück.

Leere Flaschen Vino Nobile di Montepulciano nebeneinander auf einem Regal an einer Hauswand
Modernisten und Traditionalisten stehen inzwischen friedlich nebeneinander.

Vino Nobile und der Rest der Welt

Eigentlich sollte der moderne Stil vor allem dazu dienen, den Export des Vino Nobile di Montepulciano weiter anzukurbeln. Eben, weil er einer breiteren Masse schmecken sollte. Es stellte sich aber heraus, dass die Welt den traditionellen Stil bevorzugt. Einfach, weil so ein Wein nicht international angepasst ist, sondern konsequent von seiner Herkunft erzählt. Trotzdem haben sich beide Stile inzwischen nebeneinander etabliert und leben in friedlicher Koexistenz. Was vielleicht auch daran liegt, dass beide ein echter Exportschlager ist. 

Jährlich kommen etwa 6,5 Millionen Flaschen des edlen Weins auf den Markt. Und von denen bleiben tatsächlich nur 22 Prozent in Italien! Allein Deutschland importiert 44,5 Prozent, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit gut 21 Prozent. Man kann also mit Fug und Recht von einem internationalen Wein-Hit reden, wenn es um den Vino Nobile di Montepulciano geht. Ihn in all seinen Facetten zu erkunden, ist aber auch tatsächlich sehr spannend. Vor allem, wenn man mal die neue Stilistik neben einem traditionellen Vino Nobile trinkt. Die Unterschiede werden Sie verblüffen. Versprochen.

Nicole Korzonnek

Von Nicole Korzonnek

Früher vor allem im Kulturjournalismus zuhause, begeistert sich Nicole Korzonnek nicht erst seit dem obligatorischen Pausen-Sekt im Theaterfoyer für Wein. Neben Theaterkritiken für die FAZ und Artikel für diverse Kulturformate brachte sie ihr journalistischer Weg über die Jahre immer mehr in Richtung Wein. Ob nun mit einem eigenen Blog oder eben als Copywriterin & Chief Editor Wine Magazine bei Wine in Black, wo sie die Geschichten hinter den Weinen entdeckt und dann auch begeisternd erzählt.

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