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Barolo: Weinstar aus dem Piemont

Wer ihm erst einmal verfällt, schwört ihm ewige Treue. Barolo, der Königswein aus dem norditalienischen Piemont, das heute zu den besten Weinbaugebieten der Welt zählt – gerade wegen des Barolo.

Ein Barolo ist von einzigartig duftender Komplexität, elegant mit fester Tanninstruktur und nur für echte Weinliebhaber. Er verlangt Genießern immens viel Geduld ab, muss er doch Jahre reifen, bis die Tannine geschmeidig sind und er seine Eleganz ausspielen kann. Lange waren die Weine sogar erst nach Jahrzehnten genießbar. Das änderte sich Ende des 20. Jahrhunderts, denn da erschütterten junge Winzer-Revoluzzer ein paar Parameter im Keller. Der Wein wurde zum international gefeierten Star. Doch der Reihe nach. Zunächst: Was genau ist eigentlich dieser Barolo?

Nüchtern betrachtet ist Barolo ein reinsortiger Wein aus Nebbiolo, der mit einem breiten Aromenspektrum überzeugt. Das Kaleidoskop reicht von Sauerkirschen, Himbeeren, Kräutern, Trockenblumen, Rose bis hin zu Teer und Trüffeln. Um als DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) klassifiziert zu werden, muss Barolo mindestens drei Jahre reifen, davon 18 Monate im Eichenfass. 

Hier liegt das Piemont in Italien geographisch auf einer Karte veranschaulicht. © Wine in Black
Barolo findet man im Piemont. © Wine in Black

Das Barolo-Gebiet liegt im südwestlichen Teil des Piemont, südlich der Hauptstadt Turin. Sanfte Hügel, durchbrochen von Schlössern und mittelalterlichen Dörfern umrahmen die Weinberge. Im Untergebiet Langhe, mit den verschlafenen Orten Asti und Alba, vinifizieren Winzer einen der internationalen Top-Weine. Und sind in guter Gesellschaft, denn in Alba gibt es die teuersten weißen Trüffel der Welt. Da wundert es nicht, dass genau dieser Teil des Piemont seit 2014 als Unesco-Welterbe zählt, inklusive seiner Weinberge, versteht sich. Das erklärt aber noch nicht die Faszination. Versuchen wir eine Erklärung. 

Faszination Barolo

Einzigartig ist der volle Körper bei heller, orange-braunrot schimmernder Farbe. Dieses Paradox verdankt er der Rebsorte Nebbiolo, die ein graziles Schwergewicht ist. Die Schalen sind dünn und geben wenig Farbe an den Wein ab. Dennoch enthält die Traube sehr viel Tannin und Weinsäure, so dass Winzer den Wein lange lagern, um sie abzumildern. Nach Freigabe profitieren Baroli von einer weiteren Flaschenreife. Dafür sind die Weine dann auch extrem lang haltbar, einige Jahrzehnte sind keine Seltenheit für ein gutes Exemplar aus dem Piemont.

Nebbiolo-Reben am Weinstock.
Kleinbeerig und grazil: Nebbiolo-Trauben bilden die Grundlage für Barolo.

Einzigartig ist auch, dass Nebbiolo nur im Piemont zur Höchstform aufläuft. Die Rebsorte hat eine lange Wachstums- und Reifeperiode, denn sie treibt früh aus und kann erst Mitte bis Ende Oktober gelesen werden. Sie ist daher anfälliger für Frost im Frühling und Herbst als andere Rebsorten. Zudem benötigt sie viel Sonne und bevorzugt hoch gelegene Kalkmergelböden in steilen Lagen mit süd- bis südwestlicher Ausrichtung. In Barolo finden die Nebbiolo-Weinstöcke ideale Bedingungen. Auf Böden mit hohem Anteil an Kalkmergel und sonnigen Lagen in 300 bis 500 Meter Höhe entstehen Weine voller Charakter: duftend, komplex, tiefgründig, kraftvoll, elegant, dennoch harmonisch. Hier trifft Eleganz auf Power. Faszinierend, oder? 

Darüber hinaus ist Barolo auch genussvolle norditalienische Kulturgeschichte. Und nun: Man reiche die Anekdoten, gespickt mit Königen und Kreissägen!

Der traditionelle Stil 

Bereits 1730 wurde Barolo in der Region erstmals brieflich erwähnt. Dieser war jedoch ein restsüßer Wein aus Nebbiolo. Da Nebbiolo spät reift, erfolgte die Gärung im Winter, mit dem Problem, dass die Gärung in den kalten Kellern abbrach. Nur ein Teil des Zuckers in den Trauben wurde vergoren, sprich: ein süßes Gesöff. Circa 100 Jahre später wandelte sich der klebrige Weinstil radikal zu einem trockenen Rotwein und mundete ab sofort dem prunkvollen Königshaus Savoyen

2 Weingläser vor dem Schloss in Barolo
Castello di Barolo, beherbergt heute ein Weinmuseum und eine Önothek.

Natürlich gibt es abweichende Erzählungen darüber, wem die Ehre dafür gebührt, den neuen Signature Drink der Savoyer entwickelt zu haben. Eine erzählt vom französischen Önologen Louis Oudart, der nach Barolo beordert wurde. Mit den geheimen Weinbautechniken aus der ebenfalls kühlen Champagne im Gepäck sorgte er endlich für eine vollständige Gärung. So legte Oudart unterirdische Weinkeller an, in denen ab sofort die Trauben vergoren wurden. Auch sorgte er für konstante Temperaturen und eine bessere Kellerhygiene. All das half Oudart, endlich einen trockenen Wein zu vinifizieren.

Eine andere Version erzählt vom italienischen Önologen Paolo Francesco Staglieno, der nach Frankreich geschickt wurde. Natürlich, um dort etwas in den Weinkellern zu spionieren. Schließlich wollten auch die royalen Savoyer am Bankett der europäischen Höfe zeitgemäßen Wein einschenken. Welche der Geschichten auch stimmt, der Königswein Barolo hatte glamourös das Licht der Welt erblickt.

Auf zur Moderne: Die Barolo Boys 

Über ein Jahrhundert lang verkaufte sich dieser schnell zur Tradition gewordene Weinstil hervorragend in Italien. Er bekam jedoch in den 1980er-Jahren ein veritables Image-Problem mit stark sinkenden Verkaufszahlen. Einen Tiefpunkt markiert das Jahr 1986, in dem der Methanolskandal den Weinmarkt schwächte. So wurde 1986 lediglich knapp die Hälfte des Vorjahres an Barolo produziert. Da schlug die Stunde der Barolo Boys, angeführt von Elio Altare. Der Legende nach stieg er nach einer Reise ins Burgund mit einer Kreissäge in den väterlichen Keller hinab und zersägte die großen alten Holzfässer aus slawonischer Eiche. Schließlich nutzte man im Burgund Barriques und die wollte er auch. Der Vater sah’s - und vererbte das Weingut an die Töchter. 

Altare indes wollte mit seiner Gruppe von Weinfreunden nichts weniger, als den Barolo zu revolutionieren und zum besten Wein der Welt zu machen. Zu den Boys gehörten unter anderem Luciano Sandrone, Giorgio Rivetti, Enrico Scavino und das einzige Girl Chiara Boschi. Alle einte die Vision, elegante und früher trinkbereite Barolo zu vinifizieren. Dafür experimentierten sie mit Techniken, die Altare von seiner Reise mitgebracht hatte. 

Castello di Grinzane Cavour im Piemont.
Bei einer Verkostung auf Castello di Grinzane Cavour unweit der Gemeinde Barolo lässt sich ausgiebig über Stil philosophieren.

Der moderne Stil

Zu ihren neuen Techniken gehörten eine kürzere Maischegärung von maximal fünfzehn Tagen, ein Ausbau im französischen Barrique und Maischeerhitzung. Unerhörtes Ziel war es zudem, den Wein bereits nach der Hälfte der Zeit genussreif zu haben und statt eines Jahrzehnts nur noch fünf Jahre auf den Wein zu warten. Sie veränderten den Weinstil außerdem hin zu mehr Farbe, weicheren Tanninen und mehr Frucht im Wein als im traditionell erzeugten. 

Natürlich warfen die Traditionalisten ihnen vor, sie würden den Barolo vernichten. Den konservativen Bewahrern zum Trotz wurden die neuen Baroli ein unglaublicher internationaler Erfolg. Bei einer Promo-Tour in den USA Anfang der 1990er-Jahre lösten die neuen Baroli dann einen nie dagewesenen Boom aus. Dort waren aufsteigende Weinkritiker wie Robert Parker auf der Suche nach neuen italienischen Weinen abseits des Chianti. Parker mochte kraftvolle Weine und Eiche, zwei Dinge, mit denen die neuen Baroli auf ganzer Linie punkteten. Parker bewertete hoch und die Preise explodierten. 

Barolo heute

Heute haben sich die Wogen geglättet und beide Varianten liefern hochwertige, gefragte Weine. Zudem gibt es nun auch bei den Modernisten Winzer, die traditioneller arbeiten. Etwa, indem sie den Einsatz von neuem Barrique verringern, um das Aroma von Nebbiolo zu stärken. Zudem beeinflussen weitere Faktoren die Barolo-Nuancen.

Blick in eine historishce Gasse in La Morra in Barolo.
Verschlafen geht es zu in dieser Gasse in La Morra, einer berühmten Barolo-Gemeinde.

Denn nicht allein die frühere Gretchenfrage, ob es denn nun mehr Tradition oder Revolution sein darf, auch die Wahl des Dorfes spielt eine Rolle. Da Nebbiolo stark  auf ihr Terroir reagiert, ist der Lagengedanke heute in Barolo von großer Bedeutung. Die renommierteste und traditionsreichste Lage ist Cannubi mit Top-Erzeugern wie Luciano Sandrone, der moderne und traditionelle Methoden verwendet. Weitere herausragende Erzeuger sind Giacomo Conterno (traditionell), Elio Altare (modern), Roberto Voerzio (eher modern), Ceretto (modern) und viele weitere, die es zu entdecken gilt. Berühmte Gemeinden sind neben Barolo selbst La Morra, Serralunga, Monfortee d'Alba und Castiglione Falleto. 

Auch die nahegelegene DOCG Barbaresco ist einen Besuch wert. Der gleichnamige Weinstil wird ebenfalls aus Nebbiolo gemacht und ähnlich vinifiziert, was ihm das zweifelhafte Vergnügen eingebracht hat, als "kleiner Bruder" im Schatten des Barolo zu stehen. Da er etwas weniger Tannine hat, ist er etwas leichter und früher genussbereit. 

Ob kleiner Bruder oder großer: Wie bei allen guten Weinen scheint man nie die richtigen Worte zu finden, um den Geschmack ausfüllend zu beschreiben. Probieren Sie es aus.

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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