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Rioja Weinregionen

Rioja: Wein zwischen Tradition und Moderne

Die Rioja ist Spaniens berühmtestes Weinbaugebiet. Weine wie die Rioja Gran Reserva sind internationale Klassiker. Aber in der nordspanischen Region gibt es noch weit mehr zu entdecken!

Rioja, früh morgens, 7 Uhr. Die 12.000 Einwohner zählende Stadt Haro wirkt um diese Zeit normalerweise verschlafen. Am Morgen des 29. Junis jedoch nicht. Fast genauso viele Menschen wie Einwohner gehen den Hügel zur Kapelle San Felices herauf. Sie sind weiß gekleidet, tragen riesige Wasserpistolen und Taucherbrillen. Sie sind vorbereitet, denn nach der Messe werden sie in der jährlichen Weinschlacht kämpfen. Haro gegen die Nachbargemeinde Miranda, aber eigentlich jeder gegen jeden, bis sämtliche Kleidung lilafarben ist. Den Grund für den Gemeindezwist kennt keiner mehr so ganz genau, aber man feiert die spektakuläre Batalla del vino nun seit über hundert Jahren. Und versöhnt sich nach der kollektiven Rotweindusche mit Lammkotelett und Getränken. 

Natürlich wird für die Schlacht nicht der allerbeste Wein genommen. Es handelt sich um Rotwein mit einem Schuss Weißwein, der den Qualitätsansprüchen der ansässigen Weingüter nicht genügt. Und davon gibt es in Haro, dem Schauplatz des Kampfes, jede Menge. Zwanzig, um genau zu sein, und das ist für eine Kleinstadt, die der Größe eines wenig bekannten Ortes östlich von Berlin entspricht, extrem beachtlich. Dass es in Haro so viele Bodegas gibt, hat mit der Geschichte zu tun. 

Bordeaux in der Rioja

Archäologische Überreste von Weinpressen und Weinkellern aus der Römerzeit belegen, dass in der Region schon seit über 2.000 Jahren Wein hergestellt wird. Doch die Wurzeln der modernen Rioja wurden erst im 19. Jahrhundert gelegt, dank der Einführung von Weinbereitungstechniken aus dem Bordeaux. Neu waren in der Rioja etwa die Verwendung von kleinen Eichenfässern zur Fassreife und das Abbeeren der Trauben, bevor sie weiterverarbeitet wurden.

Einen Anfang machte der Kosmopolit Luciano Murrieta, der zu Beginn der 1850er-Jahre ein großes Weingut kaufte. Hier produzierte er mit Hilfe von Bordelaiser Kellertechnik hochwertige Rotweine. Denn bis dahin war es noch unüblich, Weine für lange Zeit in kleinen Eichenfässern reifen zu lassen. Auch ein weiterer Marqués, Marqués de Riscal, hatte in Bordeaux Zeit in Weinkellern verbracht, um sich weiterzubilden. Etwa zeitgleich wie Murrieta begann er damit, Bordelaiser Methoden in der Rioja einzuführen. Im Gegensatz zu Murrieta kaufte er nicht, sondern ließ sich eine moderne Bodega errichten. Genau wie Murrietas waren seine Weine erfolgreich. Dennoch wären die beiden vermutlich lange Einzelfälle geblieben, denn die wertvollen kleinen Fässer aus französischer Eiche waren teuer. Doch dann sorgte die Reblaus für eine unvorhergesehene Dynamik. 

Die Reblaus bringt noch mehr Bordeaux

Kurz nach Murrieta und Riscals Neuerungen fraß sich die Reblaus durch die französischen Weinberge. Und vernichtete dort die Rebbestände ab den 1860er-Jahren drastisch. Alternative Traubenlieferanten mussten her - und so erreichten die Bordelaiser Winzer das 400 Kilometer südlicher gelegene Haro in der Rioja. Dass die Wahl auf diese Kleinstadt fiel, hatte auch mit ihrer Infrastruktur zu tun. Nach Haro kam man mit der Eisenbahn. So konnten etwa Weinfässer gut transportiert werden. Die Gegend florierte und rund um den Bahnhof siedelten sich weitere Kellereien an.

Im Bahnhofsviertel Barrio de la Estación finden Sie heute noch neben Marqués de Murrieta die Bodegas Lopez de Heredia, Cune (kurz für La Compañía Vinícola del Norte de España), Muga und La Rioja Alta. Mit diesem Aufschwung erhielt Haro sogar als erste spanische Stadt überhaupt elektrisches Licht. Das war Ende der 1870er-Jahre revolutionär, denn bisher gab es das nur Paris und London. 

Die Bodega Muga im Bahnhofsviertel von Haro
Erinnert an die Aufbruchstimmung im 19. Jahrhundert: Dampflok mit Weinfässern.

Um sich noch mehr Wissen zu sichern, stellten einige Kellereien wie Heredia und Cune direkt französische Önologen ein. Allerdings mit einer Anpassung: Anstelle von französischer Eiche nutzten die Weingüter amerikanische. Sie war schlicht günstiger. So bildeten also berühmte Kellermeister in Haro wie Luciano Murrieta, Riscal oder Rafael López Heredia und Cune die Speerspitze, die das moderne Qualitätskonzept in der Rioja einführte. Mit Weinen, die im Stil des Médoc ausgebaut und in Flaschen vermarktet wurden.

Heute warten unzählige gute Rioja-Weine auf Weinliebhaber. Nicht umsonst ist die Region Mitglied im Verband der "Great Wine Capitals". Und der nimmt pro Land nur jeweils eine Region auf. Auch spanienweit steht die Rioja an der Qualitätsspitze. Denn das Gebiet war im Jahr 1925 nicht nur die erste spanische DOC (Denominación de Origen). Sie war 1991 auch die erste, die die begehrte beste Einstufung als DOCa (Denominación de Origen Calificada) erhielt. Es gibt nur noch eine zweite DOCa, das Priorat im Osten der Iberischen Halbinsel. Erweitern wir also unseren Blick auf das ganze Gebiet!

Eine besondere Lage

Die Weinregion Rioja liegt zwischen den im Sommer trockenen Provinzen Kastilien im Westen, Aragonien im Süden und der Navarra im Osten, im Norden schließt sich das regnerische Baskenland an. Ihr größter Teil der 66.000 Hektar Rebflächen befindet sich natürlich in der Provinz Rioja. Weitere Rebgärten erstrecken sich auch auf die Provinzen Navarra und das Baskenland. Fast alle Weinberge befinden sich in der Nähe des Flusses Ebro. Der zweitlängste Fluss der Iberischen Halbinsel schlängelt sich von Nordwesten nach Südosten durch die Rioja. Dabei verbindet er über einhundert Kilometer die westlichste Stadt Haro mit der östlichsten Stadt Alfaro. Einer seiner sieben Nebenflüsse ist der namensgebende Río Oja, an dem schon die Römer Reben pflegten. 

Der Fluss Ebro in der Rioja
Nur ein kleiner Teil der über 900 Kilometer Flusslänge des Ebro.

Das gesamte Gebiet kann man als grundsätzlich kontinental einstufen. Das heißt, es gibt trockene, heiße Sommer und kalte Winter. Dürreperioden und Frost können also die Reben schädigen, dafür ist im Gegenzug ausreichend Sonnenschein vorhanden. Im Durchschnitt lassen 2.000 Sonnenstunden jährlich die Trauben gut ausreifen. Das kontinentale Grundklima wird jedoch variiert.

Zwei Klimazonen

Denn in der Rioja treffen zwei weitere Klimazonen aufeinander: Das Atlantikklima aus dem Nordwesten und das Mittelmeerklima aus dem Osten. Das erstere bringt Niederschläge und feuchte Luftströmungen mit sich, die dafür sorgen, dass die Sommer kühler und die Winter milder ausfallen. Hingegen bringt der aus dem Osten kommende mediterrane Einfluss im Sommer sehr warme Luftmassen mit sich. Es ist heißer als im Westen, sodass Weinberge zum Teil bewässert werden müssen. 

Im Norden und Süden flankieren Gebirge die Region. Die imposante Bergkette Sierra de Cantabria im Norden schirmt vor allzu kalt-schneidenden Atlantikwinden ab und die südlich gelegenen Gebirge Sierras de la Demanda und Cameros halten extrem heiße und kalte Temperaturen aus der Hochebene fern. Die höchsten Weinberge befinden sich auf 800 Metern im Nordwesten, im Osten liegen sie tiefer auf etwa 300 bis 400 Metern Höhe. Dieser einzigartiger Klima- und Topographiemix hat dazu geführt, dass es in der Rioja drei Unterbereiche gibt, die Subzonen Rioja Alta, Rioja Alavesa und Rioja Oriental.

Karte der Weinregion Rioja
Hier liegen die drei Subregionen der DOCa Rioja. © Wine in Black

Rioja Alta: Die Klassische

Im Westen liegt die Rioja Alta, mit 27.000 Hektar die größte und bekannteste der drei Zonen. Der Norden ist durch den Ebro markiert, im Süden schließt sich das Gebirge Sierra de la Demanda an. Zwischen Fluss und Bergen wellt sich die Landschaft in leichten Hügeln. Auf den sanft geschwungenen Hängen mit kalk- und eisenhaltigen Böden wird hauptsächlich Spaniens beliebteste Sorte Tempranillo angebaut. Einige Weinberge gehören dank ihrer bergnahen Lage zu den höchsten in der Rioja: Sie gehen auf bis zu 800 Meter Höhe hinauf.

Aufgrund des kühlen Klimas bilden die Trauben wenig Zucker. So entstehen fruchtig-frische Weine mit recht hoher Weinsäure. Der Stil ist klassisch-elegant und die Weine sehr lagerungsfähig. Stichwort Gran Reserva. Bei der finden Sie im Bouquet reife Kirschen, Brombeeren, Kräuter und Tabaknoten. Dabei sind die Tannine durch die mindestens fünfjährige Reife samtig. Von mittlerem Körper, glänzt dieser Klassiker mit feiner Weinsäure und mittlerem Alkoholgehalt von um die 13,5 Volumenprozent. Die Fruchtnoten sind dezent und ausgewogen mit denen aus Fass- und Flaschenreife.

Genau dieser Stil ist vor allem der oben beschriebenen Weinhauptstadt zu verdanken. Denn Haro liegt im Westen der Rioja Alta. Bodegas wie Marqués de Cáceres, Lopez de Heredia und La Rioja Alta sind dann auch die Namen, die Weinliebhaber des traditionellen Rioja-Stils ein wohliges Lächeln entlocken. Selbst die Gebäude sind eine Reise wert! So hat die irakischen Star-Architektin Zaha Hadid für Lopez de Heredia eine geschwungene Stahl- und Glaskonstruktion als modernen Anbau entworfen. Wein und Kunst lassen sich so gut verbinden. 

Zaha Hadid: Anbau vorm Weingut Heredia
Drei Jahrhunderte vereint: Anbau von Zaha Hadid an der Bodega Lopez de Heredia.

Rioja Alavesa: Die Individuelle

Nördlich, auf der anderen Seite des Flusses Ebro, schließt sich das kleinste Gebiet an. Die Rioja Alavesa ist mit 13.000 Hektar halb so groß wie die Rioja Alta. Wie diese wird sie an einer Seite von einem Gebirge begrenzt. Der Norden der stark atlantisch geprägten Zone wird von der Sierra de Cantabria vor zu viel Regen und kalten Winden geschützt. Auch in der Rioja Alavesa können die Weinberge sehr hoch sein und bis auf 700 Meter Höhe liegen. Je nach Höhenlage kann es hier zum Teil recht kalt werden, sodass Frost und Schnee im Winter keine Seltenheit sind. Im Sommer herrschen große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, die für eine vielschichtige Aromatik in den späteren Weinen sorgen. 

Die Tempranillo-Rebe ist die unbestrittene Königin der Weinberge in der Rioja Alavesa. Auf den meist nach Süden ausgerichteten, kalkhaltigen Hängen erbringt sie Weine, die durch feine Fruchtaromen und eine elegante Weinsäure glänzen. Die Rebflächen bestehen größtenteils aus sorgfältig gepflegten kleinen Parzellen, die zum Teil terrassenförmig angelegt sind und sich meist in Familienbesitz sind.

Im Vergleich zu den beiden anderen Zonen sind hier also sowohl Weinberge als auch Weingüter viel kleinteiliger strukturiert. Die Weingüter in Alavesa verarbeiten die erzeugten Trauben häufig selbst und schicken nur einen geringen Teil an großen Kellereien. Aus diesem Grund sind die hier produzierten Weine individueller als in der Rioja Alta oder Baja. Zudem experimentieren Winzer stärker mit - für die Rioja - neuen Weinstilen. Weingüter wie Remelluri und Artadi erzeugen reinsortige Weinen oder Varianten aus alten, hochgelegenen Buschreben mit geringem Ertrag. 

Knorrige Rebstöcke auf rotem Lehmboden
Bringen wenige, dafür sehr aromatische Trauben hervor: Alte Buschreben.

Rioja Oriental: Garnacha-Hochburg

Im Osten befindet sich die Rioja Oriental, bis 2018 Rioja Baja genannt. Mit 25.000 Hektar ist sie die zweitgrößte Subzone. Ihr größter Teil befindet sich unterhalb des Ebro, ein kleiner Part nördlich davon. Da sie näher am Mittelmeer liegt und die Berge flacher (300 bis 400 Meter) sind, sind die Sommer heißer. Zuweilen regnet es hier so wenig, dass die Reben künstlich bewässert werden müssen. Aufgrund der Wärme und der meist schweren Schwemmlandböden entstehen in der Rioja Baja vor allem dunkle, alkoholbetonte Weine. Der in der Rioja Oriental vorgeschriebene Mindestalkoholgehalt ist dann mit 12 Volumenprozent auch höher, als in den beiden anderen Subzonen. Dort liegt er bei 11,5 Volumenprozent.

Das Klima ist weniger geeignet für Tempranillo, aber ideal für die spätreifende und wärmeliebende Sorte Garnacha. Früher war die Rioja Oriental eher der Traubenlieferant für die beiden anderen Subregionen. Was man auch an der Größe der Betrieb sieht: kleine Familienbodegas sind selten, hauptsächlich sind größere Kellereien und Genossenschaften aktiv. Dennoch gibt es heute zunehmend Winzer, die charaktervolle Weine vor Ort machen. Eines der kleineren Projekte ist Olivier Rivière, der Weine auch mal im Sherry-Fass ausbaut.

Bis hierhin war nur die Rede von zwei roten Sorten. Das liegt zum einen daran, dass über zwei Drittel in der Rioja Rotweine sind. Und bei denen sind Garnacha und Tempranillo am häufigsten vertreten. Tempranillo nimmt gar satte 75 Prozent der roten Rebsortenfläche ein. Sie wird mitunter reinsortig ausgebaut, ist aber oft Grundzutat für die Blends. 

Weinberg mit Sonnenlicht
Der größte Teil der Trauben wird als Blend ausgebaut.

Rotwein-Blends

In einen klassischen Rotwein-Blend kommt viel Tempranillo und etwas Garnacha, manchmal auch Graciano oder Mazuelo. Riojas Star Tempranillo erbringt leicht trinkbare Weine mit weichen Tanninen und feiner Weinsäure. In den Wein bringt sie eine gute Struktur und Aromen von Pflaumen, reifen Erdbeeren und Lakritz. Diese Weine altern gut. Garnacha bringt ein Plus an Alkohol und Körper hinzu, ebenso wie eine weiche Textur, da sie wenig bis mittel viel Tannin hat. Sie bringt Aromen von reifen Erd- und Himbeeren sowie würzige Pfeffernoten mit. 

Kommen wir zu den Sorten, die seltener anzutreffen sind. Die schwer zu kultivierende Graciano erbringt Weine von hoher, duftig-konzentrierter Qualität. Ihr hoher Gehalt an Weinsäure verleiht den Weinen Frische. Aufgrund des ebenfalls hohen Tanningehalts wirkt sie zudem als Farbverstärker und hilft so dem Blend, noch besser zu altern. Aromatisch zeichnet sie sich durch rote Kirschen, Pfeffer und einen Hauch von Minze aus. 

Mazuelo bringt den Weinen neben viel Farbe, Weinsäure und Struktur auch reichhaltige Aromen mit: Rote Früchte mit Noten von würzigen Kräutern. Aus Tempranillo und Mazuelo besteht etwa die berühmte 'Castillo Ygay' Gran Reserva Especial von Murrieta. Ein, wenn es das denn gibt, lebendes Wein-Monument, das schon Spaniens König Juan Carlos I. zur Krönung seines Sohnes im Jahr 2014 ausschenkte.

Die Rarität Maturana Tinta, deren Rebfläche weniger als ein halbes Prozent beträgt, bringt ebenfalls Farbe und Struktur in den Wein und erhöht die Alterungsfähigkeit. Auch die Weißweine sind meistens Cuvées.

Weißwein-Blends

Von den erlaubten neun Weißwein-Rebsorten sind meistens drei in einem Wein zu finden. In den klassischen Blend kommen Garnacha Blanca, Malvasia und allen voran Viura. Diese nimmt nämlich 70 Prozent der gesamten Weißwein-Rebfläche ein. Sie weist oft dezente Aromen von weißen Blumen und Mandeln auf. Darüber hinaus ist sie auch deswegen die Basis, weil sie für mehrjährige - sogar jahrzehntelange - Fassreife geeignet ist. So können Weine mit enormer Langlebigkeit entstehen. Von Garnacha Blanca kommen Körper, Alkohol und Struktur, dafür sehr wenig Weinsäure. Auch sie trägt dazu bei, dass die Weine besser altern. An Aromen bringt sie Aprikosen, manchmal exotische Früchte wie Limetten und Kräuter mit. Hingegen steuert die dritte im Bunde, Malvasia, nur dezente Zitrusaromen bei. Allerdings sorgt sie für eine geschmeidigere Textur und ein Plus an Fülle im finalen Blend. 

Auch bei den Weißweinen sorgt also der Mix an Rebsorten für harmonische Weine, die gut altern. So wie einer der legendärsten Weißweine aus der Rioja. Die 1996er-Edition Viña Tondonia Blanco Gran Reserva besteht aus Viura mit ungefähr zehn Prozent Malvasia. Dieser wurde vom Weingut Lopez de Heredia erst nach zwanzig Jahren Reife auf den Markt gebracht. Und lässt sich locker noch bis 2035 genießen. Natürlich gibt es in der Rioja aber nicht nur Klassisches. Schon allein, um mit der Zeit zu gehen. Und der Konkurrenz aus anderen spanischen Weinregionen nicht das Feld zu überlassen, die in den 1980er-Jahren von sich reden machten!

Malvasia-Trauben in einem Lesekorb
Frisch gelesen: Malvasia-Trauben in einem Korb.

Der Dinosaurier lebt: Riojas neue Weine

So war der Weinklassiker Gran Reserva, die große aromatische Zeitkapsel, ein nur noch wenig gefragter Wein. Im Gegenteil. Für einige Weinliebhaber hatte der fast immer dagewesene Stil seinen Reiz verloren. Kritiker hielten ihn mit den Vanillearomen und zurückhaltenden Fruchtnoten für altbacken. Angesagtes kam aus dem nördlichen Gebiet Ribera del Duero und aus dem östlichen Priorat. Denn dort produzierten Winzer hochkonzentrierte, fruchtbetonte Weine, die dem internationalen Publikum und vor allem der internationalen Weinkritik weit besser schmeckten. Ansporn genug für die Winzer am Ebro, ebenfalls mit der Zeit zu gehen, die Keller zu sanieren und das Portfolio an Weinen und Stilen zu erweitern.

Um mehr Frucht in den Wein zu bekommen, gibt es viele Möglichkeiten. Eine Änderung betrifft die Wahl des Holzes. Die traditionell verwendete amerikanische Eiche ist an Vanille- und Kokosaromen erkennbar. Ein Weg, um den Eigengeschmack der Trauben zu stärken, heißt französische Eiche, oder größere Fässer und kürzere Reifezeiten. Alle Varianten reduzieren die typischen Gran Reserva-Holzaromen. Denn in allen anderen Varianten gibt das Fass die Holzaromen subtiler an den Wein ab, die Frucht ist deutlicher zu schmecken. Manche Winzer nutzen sogar Betontanks, die geben dann gar keine Holzaromen mehr ab. 

Weinkeller in der Rioja
Faustregel: Je größer das Fass, desto subtiler die Holzaromen.

Ein weiterer Weg ist die Gärmethode der Kohlensäuremaischung. Diese kommt vor allem bei jungen Weinen zum Einsatz und ist sehr beliebt im französischen Beaujolais und dort erklären wir sie ausführlicher. Der Rest an leicht prickelnder Kohlensäure im Wein lässt auch die Weine in der Rioja besonders frisch wirken. Darüber hinaus beschäftigen sich Winzer zunehmend mit den Bedingungen der einzelnen Lagen, in denen ihre Reben wachsen. 

Ein Hoch auf die Einzellage

Daraufhin hat sogar der starre Kontrollrat seine Regeln angepasst und weitere Bezeichnungen eingeführt. Seit 2017 etwa erlaubt die DOCa den Zusatz von Lagen, aus dem die Trauben stammen. Ein Konzept, dass auf das französische Burgund zurückgeht und unter dem Ausdruck Terroir bekannt ist. Winzer, die sich darauf berufen, wollen die einzigartigen Bedingungen jedes Weinbergs im Wein ausdrücken. Der Wein soll individuell und anders sein, als der vom benachbarten Weinberg. Sozusagen der Anti-Typ zur Gran Reserva, die immer verlässlich ähnlich schmecken soll. 

In Regeln ausgedrückt stellt der Kontrollrat Winzer weitere Prädikate zur Auswahl, etwa "Vinos de Zona" (Rioja Alta, Rioja Alavesa, Rioja Oriental, "Vinos de Municipio" (Gemeinde-Appellation) oder "Vinos Singulares" (Einzellagen). Dabei ist letztere das seltenste. Die Trauben hierfür müssen aus einem einzelnen Weinberg stammen. Ein Rotwein von Reben, die auf 800 Meter Höhe wuchsen, wird frischer, eleganter und intensiver schmecken, als einer von Reben, die in einem flacheren und wärmeren Gebiet wuchsen. Ob ein Wein von solch einer Einzellage stammt, erkennen Sie an der Flasche. Das steht nämlich auf dem Rückenetikett.

Winzerin beim Rebenschnitt
Bedeutet eigentlich immer sorgfältige Handlese: Einzellagen in hoch gelegenen Weibergen.

Rioja’n’Roll: Dynamik ohne Ende

Überall scheint man mit neugierigem Blick auf die eigenen Weinberge zu schauen. Im Namen der Traube haben sich acht junge Weinmacher zur Gruppe "Rioja’n’Roll" zusammengeschlossen. Ihr Motto: "In grape we trust". Und sie probieren so ziemlich alles, was es an nicht-klassischen Sachen gibt: sie mixen ungewöhnliche Blends wie etwa aus Garnacha und Mazuela, vinifizieren reinsortige Garnacha-Weine aus alten Buschreben, stellen Kleinst-Auflagen aus Höhenlagen her, die geringe Erträge bringen und bauen auch mal im Betonfass aus. 

Sie sehen: die Rioja hat neben ihren klassischen Weinen Reserva und Gran Reserva jede Menge zu bieten. Vierzehn Rebsorten, drei Subzonen und experimentierfreudige Winzer haben die Rioja wieder zu einem spannenden Ort für Weinfans gemacht. Und wenn das Reisen wieder möglich ist, lohnt sich die Region ebenfalls. Denn auf einer der vielen Weinrouten durch die Rioja können Sie traditionelle und moderne Weine wunderbar mit spannender Architektur, netten Menschen und herrlichem Essen verbinden.

Marie Ohl

Von Marie Ohl

Hätte nie gedacht, dass sie mal beruflich über Wein schreibt. Und sich früher gefragt, warum manche Leute bereit sind, so viel Geld für Wein auszugeben. Jetzt versteht sie es. Studium der Theaterwissenschaft mit Stationen bei Christoph Schlingensief und beim ZDF, WSET (Wine & Spirit Education Trust) Level 3. Mag es, mit dem Schreiben die Wein-Welt zu entdecken und Dinge zu erklären.
© Steffen Kugler

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